Groß Flottbek

Wohnen in einer echten Fritz-Höger-Villa

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Der bekannte Architekt Fritz Höger entwarf das Chilehaus im Kontorhausviertel - und auch Gebäude wie dieses im Stadtteil Groß Flottbek.

Die östliche Ecke spitz wie ein Schiffsbug, gebaut aus einem dunkelroten Backstein, den Fritz Höger "knupperig" nannte: Wer einmal als Architekturfreund Hamburg besucht hat, kennt das Chilehaus im Kontorhausviertel. Höger hat es noch in der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg geplant. Es wurde zu einer Bau-Ikone der Hansestadt. Neben diesem und weiteren öffentlichen Gebäuden hat Höger rund um Hamburg aber auch Wohnhäuser entworfen, die meisten davon im vertrauten roten Klinker. Die Ausnahme: ein Haus im Stadtteil Groß Flottbek, wo zu der Zeit gelblicher Ziegel üblich war. Was Fritz Höger 1927/1928 zu einem Farbexperiment animierte. Er gab dem für die Gegend kleinen Wohnhaus mit einer Riesenloggia eine gelbe Steinfassade und verfugte sie lila - ein spätexpressionistischer Hingucker.

Dabei hatten die heutigen Bewohner Nanette N. und Ernst E. mit ihren beiden Kindern gar nicht die Absicht, in einer Architektur-Ikone zu wohnen. Aber da sich das Haus bereits im Besitz von Verwandten befand, konnten sie es 2007 erwerben und dann im Januar 2008 - nach nur vier Monaten Sanierungszeit - einziehen.

Natürlich war der Familie der Name Fritz Höger bekannt. "Wir kannten den Architekten als Erbauer des Chilehauses, das durch seine unterschiedlichen Perspektiven großartig ist", sagt der Hausherr. Ähnlich architektonische Aspekte findet er auch in seinem Haus, "denn von einigen Blickwinkeln aus gesehen wirkt es, als ob es sich zentralperspektivisch ins Unendliche fortsetze".

Für manche mag das Wohnen in einem Denkmal wegen der vielen Auflagen anstrengend und eine undurchschaubare Angelegenheit sein, für die Familie jedoch nicht. "Umbauten im Sinne von verändern waren aber nicht geplant", sagt Ernst E. Vielmehr sollte der Originalzustand so gut wie möglich wiederhergestellt werden. So hatten zum Beispiel die Vorbesitzer alle Fenster verkleinert. Die Denkmalschützer machten die neuen Eigentümer darauf aufmerksam und empfahlen, sie zurückzubauen - eine Rekonstruktion, die innen wie außen ein anderes und viel besseres Raumgefühl erzeugt.

Aber auch die Außenansicht wurde so weit wie möglich wiederhergestellt. Dazu erfolgte nicht nur ein Rückbau der Fenster im Erdgeschoss auf die Originalgröße und die Montage der alten Holzlaibungen, sondern auch die zugebaute Loggia auf der Gartenseite wurde dem Charakter nach wieder sichtbar gemacht. Dazu legte man die alten Eckpfeiler frei und baute über die ganze Fassade reichende Fenster ein.

Ebenso erfolgte eine moderne Wärmedämmung. Dazu konnte die Hohlschicht im zweischaligen Mauerwerk genutzt werden, in die durch kleine Öffnungen Silikat-Dämmstoff SLS 20, ein Abfallprodukt der Glasindustrie, eingeblasen wurde. Ebenso erfolge eine komplette Sanierung der Haustechnik. Damit bietet der faszinierende Altbau die Annehmlichkeiten und geringen Nebenkosten eines Neubaus.

Inzwischen schätzt die vierköpfige Familie den kubischen Bau und die expressionistische Fassade mit dem gelben Klinker und den ursprünglich lilafarbenen Fugen. "Starke Architektur mit einer warmen Ausstrahlung im Inneren." Auffallend sei auch die Geschlossenheit zur Straßenfront und die Öffnung zum Garten. "Man sagt, es sei das Mätressenhaus eines reichen Hamburger Kaufmanns gewesen", sagt Nanette N.

Aber trotz moderner Sanierung gibt es im Keller noch ein großes Problem: die Feuchtigkeit. Im Sommer hilft dort nur der Einsatz elektrischer Luftentfeuchter.

Auf die Frage, was Höger heute hätte anders machen sollen, antworten die Hausbesitzer: "Energieeffizienz herstellen. Denn obwohl heute für eine Kerndämmung zwölf Zentimeter üblich sind, konnte nur der sechs bis sieben Zentimeter breite Mauerzwischenraum genutzt werden. Ebenso ist es natürlich ein Nachteil, dass man im Keller nur gebückt laufen kann, er war offenbar nur als Kriechkeller geplant. Heute würde man sicherlich für übliche Kellerräume oder für einen Sportraum eine normale Raumhöhe planen."

Natürlich sei es auch ein Thema gewesen, mit welcher Möblierung man auf den Architekturstil reagiere. "Das Haus ist sehr dominant und wirkt bereits durch die Sprossen an den Fenstern und durch die Holzböden wohnlich. Unruhige Möbelstücke würde es nicht verkraften." So wählte die Familie bewusst schlichte Regale oder Stühle.

Dass sie oft von jungen Architekten oder Architekturinteressierten angesprochen werden, stört die Hausbesitzer nicht. "Wir freuen uns darüber und sind schon ein bisschen stolz."

Dieses und weitere Häuser sowie neue Wohntrends finden sich in der Märzausgabe des Magazins "Architektur & Wohnen" (8,50 Euro)

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