Wohnen

Lebensraum: Landlust statt Stadtfrust

Angesichts steigender Mieten und Kaufpreise überlegen viele Hamburger Familien den Umzug ins Grüne

Herrliche Ruhe, Pferde und Kühe auf saftigen Wiesen, und Kinder, die ohne Angst vor Autos vor dem Haus spielen können - so stellen sich viele ländliche Idylle vor. Angesichts steigender Mieten und Kaufpreise auf dem Hamburger Wohnungsmarkt fällt es da offenbar vielen Familien nicht schwer, der Stadt den Rücken zu kehren und ins Hamburger Umland zu ziehen. Das lassen Einwohnerzuwächse in den umliegenden Gemeinden vermuten, allen voran im Kreis Stormarn, der allein in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres ein Plus von 1087 Einwohnern registrierte. Geringere Zuwächse verzeichnen auch die anderen Hamburger Randkreise, so das Statistische Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein.

Axel Kloth, Vorsitzender des Immobilienverbandes IVD Nord, überraschen solche Meldungen nicht. Schließlich hat er selbst eine Zeit lang überlegt, mit seiner Familie die Stadt zu verlassen und ein Haus im Umland zu kaufen. "Das war nach der Geburt des dritten Kindes, da haben meine Frau und ich nach einer Immobilie in Buchholz oder Hitfeld Ausschau gehalten", sagt der mittlerweile vierfache Familienvater. Dann habe aber doch der Wunsch nach kurzen Wegen und einem gewachsenen Umfeld überwogen. Heute leben die Kloths mit ihren Kindern im Alter zwischen fünf und 15 Jahren in einem 150 m² großen Haus mit Garten in Alsterdorf. "Für das gleiche Geld hätten wir sicherlich im Umland eine 230 m² große Immobilie mit eigenem Arbeitszimmer bekommen", sagt Kloth. "Dafür brauche ich jetzt nur fünf Minuten, um ins Büro zu kommen, und wir werden nicht zu Taxieltern degradiert, die die Kinder überall hinbringen müssen. Sie kommen hier ohne unsere Fahrdienste aus." Vor diesem Hintergrund könne er die "leicht beengten Verhältnisse" gut bis zum Auszug des Nachwuchses ertragen.

Der Immobilienkaufmann weiß jedoch, dass ein Haus in der Stadt für viele Familien ein unerreichbarer Luxus ist. Erst Ende Mai musste er als Verbandschef einen weiteren Anstieg der Mieten und Kaufpreise auf dem Hamburger Wohnungsmarkt verkünden. Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen haben sich danach im Schnitt um acht bis 13 Prozent verteuert, ein Haus in guter Lage kostet im Mittel 420 000 Euro. "Es gibt kaum noch bezahlbaren Wohnraum für Familien in der Stadt", sagt Kloth. "Eine Folge der familienfeindlichen Politik der vergangenen Jahre."

Exakt dies war der Grund, weshalb sich Peter-Georg Wagner vor einem Jahr für den Kauf eines Hauses in Lüneburg entschieden hat. Für ihn stand der Wechsel von Berlin nach Hamburg aus beruflichen Gründen an. "Meine Frau und ich hätten natürlich gern ein Haus mit Elbblick in Citynähe, aber das kann sich ja kaum noch einer leisten", sagt der 43 Jahre alte Marktforscher. Also habe er für sich, seine Frau und die drei Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren im Süden Hamburgs nach etwas Bezahlbarem gesucht. "Und da ich in Lüneburg studiert habe und meine Frau dort aufgewachsen ist, haben wir uns gern für die alte Heimat entschieden."

Die Wahl fiel auf eine Bestandsimmobilie mit 100 m² Wohnfläche und einem 1200 m² großen Grundstück. "Das Haus ist ausbaubar, und die Kinder haben im Garten viel Platz zum Spielen", sagt Wagner. Die tägliche Fahrt nach Hamburg ins Büro nehme er da gern in Kauf, mit dem Metronom dauere sie meist nicht länger als gut 35 Minuten. "In dieser Zeit kann ich Zeitung lesen oder Papiere durcharbeiten", sagt Wagner. Für die Karte bezahle er 145 Euro im Monat. Er ist sicher: Angesichts der Preise auf dem Hamburger Wohnungsmarkt werde sich der Trend Richtung Umland weiter verstärken.

Das fürchtet auch Heinrich Stüven, Vorsitzender des Grundeigentümerverbandes Hamburg. Er warnt jedoch davor, das Leben im Umland zu sehr zu idealisieren. "Vieles von dem, was man mit dem Leben auf dem Land verbinden, findet sich auch in der Stadt", sagt Stüven. In Stadtteilen wie Rahlstedt oder Bramfeld beispielsweise gebe es eine sehr aufgelockerte Struktur mit vielen Gärten und Grünanlagen. Auch dürfe man die Kosten, die sich mit dem Umzug ins Umland ergäben, nicht unterschätzen. "Ganz schnell kommt man auf vergleichbare Ausgaben wie für eine Immobilie in Hamburg", sagt Stüven. Viele dächten auch nicht an die Lebenszeit, die durch das Pendeln für die Familie oder für Freizeitaktivitäten verloren gehe. "Ein Trost ist, dass der Hamburger Senat für Familien mehr interessante Angebote auf dem Wohnungsmarkt schaffen will. Auch kehren viele Alte zurück in die Stadt, um die Vorteile des urbanen Lebens zu nutzen." Dies können sich auch Peter-Georg Wagner und seine Frau gut vorstellen, später, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Einen kritischen, zugleich anekdotischen Blick auf das Leben außerhalb von Großstädten wirft Axel Brüggemann in seinem im Frühjahr erschienenen Buch "Landfrust", Rowohlt Verlag, 14,95 Euro.