Very British

Serie Wohnstile, Teil 2: Hamburg rühmt sich, die englischste Stadt Deutschlands zu sein. Zu Recht. An der Elbe liebt man nicht nur anglophiles Understatement, sondern auch klassisches Interieur

Hamburg. Dass sich die Hamburger eng verbunden fühlen mit der britischen Lebensart, spürt man an vielen Orten dieser Stadt. Man braucht nur durch die Elbvororte zu schlendern oder entlang der Alster, um zu sehen: die Hanseaten schätzen nicht nur wie die Briten die Nähe zum Wasser, sondern auch das Edle und Gediegene. An der Alster flaniert man gern in Burberry- oder Barbour-Jacke am feinen Anglo-German Club vorbei. Und bei Ladage & Oelke, Hamburgs "englischem Kleidermagazin" am Neuen Wall, kann man umgeben von edlem Interieur zwischen einer Vielzahl an rahmengenähten Schuhen, Dufflecoats und Tweed-Stoffen auswählen. Kein Wunder also, dass sich der British Day in Klein-Flottbek auf dem Gelände des Hamburger Polo Clubs jedes Jahr großer Beliebtheit erfreut.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich in und um Hamburg eine Reihe von Einrichtungsgeschäften auf den Verkauf von englischen Stilmöbeln spezialisiert hat. Hannelore Greve gehört mit einer Ausstellungsfläche von 6000 m² in der City Nord ebenso dazu wie Kai Wichmann, gleich mit drei Standorten in Norddeutschland vertreten. Kein Geheimtipp mehr unter Liebhabern englischer Stilmöbel ist die Niederlassung von Paul und Karen Beard in Jork. Die Engländer nutzen ihre Verbindungen in die Heimat, um englische Möbel direkt vom Hersteller an die Elbe zu importieren oder dort nach Maß von kleinen, aber feinen Möbelmanufakturen anfertigen zu lassen. Dies alles präsentiert in einem alten, umgebauten Pferdestall auf 800 m² Fläche.

Nicht ohne Stolz erzählt Paul Beard mit britischem Akzent: "Die Kunden lieben es, auf dem Heuschober zwischen typisch ,old fashioned' Sitzmöbeln, Tischen und Accessoires nach Schnäppchen oder Schmuckstücken zu suchen." Gut 20 verschiedene Modelle an Chesterfield-Sofas, diesem englischen Klassiker mit geknöpfter Rücken- und Armlehne - benannt nach dem vierten Earl von Chesterfield - präsentieren die Beards hier.

Wer denkt, solche Möbel sprächen eher eine Klientel jenseits der 50 an, der irrt. "Die Kundschaft wird immer jünger und erstreckt sich mittlerweile bis nach Hildesheim", sagt Beard. "Viele davon haben die Ikea-Phase hinter sich und wollen sich nun mit hochwertig gearbeiteten Einzelstücken oder aber auch in der Gesamtheit neu umgeben." Sehr geschätzt werde dabei die Kombination von Altem und Neuem. "Ein Chesterfield-Sofa in hellem Naturleder macht sich fabelhaft zwischen viel Chrom und Glas", weiß Beard, der schon so manches schöne Exemplar auch in die HafenCity geliefert hat.

Eine Entwicklung, die Renate Gehricke, Marketingleiterin bei Hannelore Greve, bestätigt. "Auch bei uns schauen immer jüngere Kunden vorbei. Sie schätzen es, sich mit einem hochwertig verarbeiteten Möbel, dessen Oberfläche handpoliert, mit Leder oder Intarsien gestaltet ist, zu umgeben." Auch wenn der englische Wohnstil nicht selten zu Recht mit Ohrensesseln, üppigen Sofas - gern auch geblümt im Stil der englischen Designerin Laura Ashley - in einem Wohnzimmer mit Kamin verbunden wird, so gibt es doch auch Möbel am Markt, die diesen Stil eher persiflieren. Drehsessel "Wave" (Foto) von Esprit ist ein gutes Beispiel dafür. Hier kommt Baumwolle im Karolook mal nicht als Schottenrock daher. Auch die Kollektionen Karat und Avignon, für die Hannelore Greve zwei Verkaufsflächen neu gestaltet hat, fügen sich als Solitärmöbel gut in ein klassisch geprägtes Umfeld ein. Während Karat eine Kollektion ist, die außer in Eiche auch in zwölf Lackfarben erhältlich ist, gibt sich Avignon in massiver Wildkirsche eher traditionsbewusst.

Ein Faible für englische Architektur zeichnet sich seit wenigen Jahren auch auf dem Markt für Einfamilienhäuser ab. In einem kleinen Neubaugebiet nordöstlich der Hamburger Stadtgrenze finden sich gleich drei Beispiele dafür. Zwei davon errichtete der Bauträger Blum & Böhm. Vertriebsleiter Stefan Thomaschewski zeigt sich selbst erstaunt über die Resonanz, die diese Häuser finden. "Das ist wie eine Welle, wir bekommen seitdem viele Anfragen, Häuser der gleichen Machart anderswo zu bauen." Typisch für diese Häuser ist die Klinkerfassade mit den mittig gelegenen Giebeln und dem bündig abschließenden Dach. Nicht selten zeigt sich beim Gespräch mit den Bauherren: Die Liebe für das Englische kann sich bis zur Namensgebung der Kinder erstrecken und - auf die Gartengestaltung. So finden sich dort oft nicht nur üppige Rosenbeete und viel Buchs, sondern auch Palmen in großen Kübeln auf der Terrasse - halt fast so wie in Südengland. Cornwall lässt grüßen.

+++ Zum Nachlesen: Wohnstile +++