Architektur: Schokoladenfabrik in Hammerbrook und altes Pumpwerk in Niendorf

Wohnen und arbeiten in früheren Industriebauten

Als die Schokoladenfabrik Reese und Wichmann Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Räumlichkeiten am Speersort wegen des Baus der Mönckebergstraße...

Als die Schokoladenfabrik Reese und Wichmann Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Räumlichkeiten am Speersort wegen des Baus der Mönckebergstraße aufgeben musste, baute sie 1908 stattdessen am Südkanal in Hammerbrook ein neues repräsentatives Fabrikgebäude, mit einem Anleger für die Schuten zum Entladen der Kakaosäcke.

Heute finden sich darauf die neuen Nutzer des Hauses zu fröhlichen Grillabenden zusammen. Denn als Fabrik wird das Gebäude seit zwölf Jahren nicht mehr genutzt. "Hier arbeiten und leben seit Mitte der Neunzigerjahre Menschen, die in der Mehrzahl in kreativen und künstlerischen Berufen tätig sind", sagt Lynn Ackermann vom Maklerbüro Thomas Klinke Immobilien. Damals wurde das im Krieg beschädigte Gebäude vom Architekturbüro v. Bismarck + Partner restauriert, mit modernen Elementen aufgestockt und so in ein Büro- und Wohngebäude umgewandelt.

Wie viele andere leer stehende Gewerbebauten aus der Kaiserzeit überlebte es den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft dank seiner Repräsentationsarchitektur. Ein großes Loft mit historischem Ambiente und "Backsteintapete" befanden kreative Unternehmen als chic. Das rettete viele Industriegebäude vor der Abrissbirne. Wo einst hart körperlich gearbeitet wurde, sind in den letzten zwei Jahrzehnten Agenturen, Hotels, Kultureinrichtungen, Restaurants, Museen und auch Wohnungen untergebracht worden. Doch haben diese neuen "Wohnfabriken" nichts gemein mit den Wohnfabriken aus Zeiten der Industrialisierung, als man mehr Wert auf die Industriearchitektur denn auf die der Arbeiterwohnquartiere legte. In einer alten Fabrik zu wohnen ist nicht von ungefähr angesagt, denn die großen Lofts bieten Vorzüge, mit denen keine konventionelle Wohnung dienen kann.

Die Kombination Wohnen und Büros unter einem Dach, wie in der Schokoladenfabrik, ist allerdings selten - vor allem in einem ausgesprochenen Gewerbegebiet. "Die Bewohner schätzen die Nähe zur Innenstadt, die Ruhe am Abend und die Zusammenkünfte auf dem Steg oder der gemeinsamen Terrasse", sagt Lynn Ackermann, die selbst in der Schokoladenfabrik arbeitet. Eine 112 m⊃2; große Wohnung mit Dielenboden, historischen Fenstern mit Isolierglas, moderner Einbauküche wird zum Mai 2009 frei. Die Kaltmieter beträgt 1366 Euro.

Mit dem Umbau alter Fabrikgebäude sind renommierte Architekturbüros betraut worden, die aus zweckmäßigen Fertigungs- und Verwaltungsgebäuden Bauwerke mit eigener Identität schufen. Moderne Stilelemente und Dachaufbauten betonen den historischen Charakter der Bauten. Mit viel Liebe fürs Detail wurden alte Bauelemente und zurückgebliebene Maschinen in ein Gesamtkonzept integriert.

Das alles hatte seinen Preis. So kostete der Um- und Ausbau eines Lager- und Bürohauses aus dem Jahre 1928 zu den Falkenried Appartements durch brt-Architekten 8,5 Millionen Euro. Dieses Projekt ist ein Musterbeispiel für den Umbau eines Gewerbegebiets in ein Wohnquartier.

Objekte aus der Kaiserzeit oder den zwanziger Jahren sind selten. Zu ihnen gehört ein ehemaliges Pumpwerk der Wasserwerke aus dem Jahre 1910 inmitten eines Wohngebietes in Niendorf. Bis 1946 gehörte es zum Wasserwerk Lokstedt. Seitdem wurde es als Büro- und Ateliergebäude genutzt.

"Es kamen immer wieder Anfragen, warum man nicht in diesem schönen alten Backsteingebäude wohnen könne", sagt Marcus Lakenmacher von Kilsgaard Immobilien ( www.kilsgaard-immobilien.de ). Jetzt steht das 486 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche umfassende Gebäude für 1,19 Millionen Euro zum Verkauf. "Das Gebäude ist für Bauherren mit Sinn für alte Industriearchitektur ideal, zumal auch noch ein funktionsfähiger Laufkatzen-Kran vorhanden ist", sagt Lackenmacher. Da das Gebäude 1998 entkernt, saniert und vier versetzte Ebenen neu eingezogen wurden, ließe sich hier auch Wohnen und Arbeiten unter einem Dach realisieren.

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