Eine Alsterperle in neuem Glanz

Rotherbaum: Der Umbau dauerte vier Jahre. Die Villa von 1872 wurde liebevoll restauriert. Das Abendblatt durfte hineinschauen.

Im Hof der imposanten Villa an der Außenalster fühlt man sich um mehr als ein Jahrhundert zurückversetzt. Die Neorenaissance-Architektur leuchtet stolz in der Sommersonne und erinnert an Schlösser in mediterranen Gefilden. Jeden Moment könnte eine Kutsche um die Ecke biegen und vor dem Eingangsportal halten. Statt dessen parken Autos in dem großzügigen Hof vor einem der eindrucksvollsten Wohnhäuser Hamburgs am Harvestehuder Weg.

Es steht in einer der schönsten Villenreihen der Hansestadt: Rechts das britische Konsulat, das zum Verkauf steht (erbaut 1905 von der Reeder-Witwe Sophie Laeisz), und das Budge-Palais des Architekten Martin Haller (heute Musikhochschule). Auf der anderen Seite baute 1848 der Reeder Robert M. Sloman seine neogotische "Sloman-Burg" mit Turm und Zinnen.

In vierjähriger Arbeit wurde die Villa vom neuen Eigentümer, einem Hamburger Immobilienkaufmann, aufwendig renoviert. Die Handwerker führen letzte Arbeiten an einem Stück Stadt- und Architekturgeschichte aus. Bald ist die 1872 erbaute, denkmalgeschützte Villa mit fast 1000 m2 Wohnfläche wieder privat bewohnt - das erste Mal seit fast 100 Jahren. So lange wurde sie nur gewerblich genutzt.

Hinter dem Eingang führen Marmorstufen hinauf in die schmuckvolle Empfangshalle. Der helle Marmorboden wurde neu verlegt, sonst sind im Erdgeschoß die meisten Wände, Säulen, Decken, Kassettenschiebetüren und die Treppe original erhalten. Geradeaus liegt das rund 60 m2 große Wohnzimmer . Ein Kronleuchter hängt von der mehr als vier Meter hohen Decke, der Stuck erinnert an Königshäuser, und der Blick fällt über die große Terrasse zur Außenalster.

Rechts vom Wohnzimmer liegt die Bibliothek mit schönem Kamin. Ein Bücherregal läßt sich zu einem Geheimgang hin öffnen, der zum früheren Hauseingang an der Südseite führt. Ein zweiter verlief vom Keller aus unterirdisch, er ist aber zugeschüttet. Hinter einem anderen Regal verbirgt sich ein alter begehbarer Safe.

Fast im Wochentakt förderten die Handwerker Überraschungen zutage: Versteckte Kammern mit Guckloch über der Eingangstür, Zeitungen von 1872 unter den Dielenböden oder alte Wandmalereien im schönen Badezimmer des Obergeschoßes, die restauriert wurden. Heute passen sie perfekt zum Bad im römischen Stil, das mit dunklem Holz, grünem und weißem Marmor, Chrom, Glas, Spiegeln und einer Decke mit Oberlicht ausgestattet ist.

Zur Linken vom Wohnzimmer führt eine große Flügeltür in ein weiteres Kaminzimmer mit goldenem Kronleuchter. Von hier geht es ins ehemalige Eßzimmer, wo sich heute eine mehr als 40 m2 große Küche befindet. Es wurden ein Kamin und in der Raummitte ein großer Küchenblock eingebaut - so wirkt der Raum wie aus einer alten Burg hierherversetzt.

Am anderen Ende der Küche führt eine hohe Flügeltür zum Anbau im Hof, wo früher Billard gespielt wurde. Heute liegen hier ein Pool und ein Dampfbad aus hellem Marmor. Der Boden ist mit feinem Mosaik nach historischen Vorbildern aus Pompeji ausgelegt worden.

In den beiden Obergeschossen befinden sich Schlaf- und Gästeräume sowie Bäder. Im versteckten Treppenhaus für Bedienstete wurde in der Mitte der Wendeltreppe ein gläserner Lift installiert. Vom zweiten Obergeschoß führt eine Treppe auf die rund 50 m2 große Dachterrasse.

Der jüdische Kaufmann Sally Horschitz (1822-1883) ließ die Villa 1872 vom Architekten Albert Rosengarten erbauen. Beide kamen aus Kassel. Für letzteren war die heute mit der in England verbreiteten Farbe "Crown Cream" gestrichene Putzfassade untypisch. Er baute sonst mit Klinker, etwa 1851 das Schröder-Stift. Horschitz, der 1854 den Hamburger Bürgereid ablegte, machte mit Samen und Salz sein Vermögen, was er mit der Villa zeigte. Aus ungeklärten Gründen ließ Horschitz - 1873 vom italienischen König zum Baron erhoben - 1879 links neben seinem Haus eine zweite, ebenfalls herrliche Villa mit rotem Klinker für sich bauen und verkaufte das erste Haus für viel Geld. Was es den neuen Eigentümer heute gekostet hat, darüber schweigt dieser allerdings.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.