Der Klassiker jetzt auch als Nachbau

Kaffeemühlen: Wohnen mit Charme und viel Platz. Die schmucken Rotklinkerhäuser aus den 20er Jahren sind Traum vieler Immobiliensuchender.

"Hat das etwas mit Kaffee zu tun?" fragen Ahnungslose, die in den quadratischen Rotklinkerbauten partout keine Kaffeemühle erkennen wollen. Die beliebten Häuser aus den 20er Jahren wurden im Volksmund auf Grund ihrer Optik Kaffeemühle getauft und erfreuen sich bei Hauskäufern großer Beliebtheit. Die begehrten Objekte wurden meist in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaut, haben einen fast würfelförmigen Körper und ein Walmdach mit Dachfirst.

Was man heute nur noch selten erkennt: Ursprünglich wurde die Kaffeemühle als Zweifamilienhaus konzipiert. Das obere und untere Geschoß sind getrennt nutzbar und das Treppenhaus ist im Originalzustand ein abgeschlossener Raum. Durch die Wohnungsknappheit in den 20er Jahren wurde der erste Stock oft vermietet.

Viele Kaffeemühlen haben einen Erker, auf dem im ersten Stock ein Balkon thront. Der erinnert an das herausziehbare Schubfach einer echten Kaffeemühle. Im Erdgeschoß befinden sich meist drei ineinander übergehende Wohnräume, die L-förmig um die Treppe liegen, plus Küche und Bad. In vielen Kaffeemühlen läßt sich zusätzlich das Dach ausbauen, so daß die Häuser auf 200 bis 300 Quadratmeter Wohnfläche kommen können. "Auch die Grundstücke waren meist sehr groß", sagt Andreas Pfadt, Geschäftsführer des Hamburger Architekturbüros ASK. Nicht alle Exemplare sind klassisch rot verklinkert: Der Architekt selbst besitzt eine Kaffeemühle von 1929, die verputzt und weiß gestrichen ist.

Viele traditionelle Kaffeemühlen befinden sich zum Beispiel im Malerviertel von Othmarschen, in Alsterdorf, Lokstedt, Klein Borstel, Eidelstedt oder Lurup. Wer sie sich aus der Nähe ansehen will, kann eine kleine Kaffeemühlen-Tour durch die Elbvororte machen: Zwischen Ebertallee, Feuerbachstraße und Friedensweg sind Schmuckstücke aus Rotklinker in voller Pracht zu bewundern.

Doch die Preise für den Wohnhausklassiker haben es in sich: Eine Kaffeemühle in der Giesestraße in Groß Flottbek mit einer Wohnfläche von 260 m2 soll 715 000 Euro kosten (Infos bei Engel & Völkers). Für ein kleineres Objekt in der Holbeinstraße mit 160 m2 Wohnfläche werden noch 630 000 Euro gefordert. Für 220 m2 Wohnfläche in Klein Borstel sollen 698 000 Euro gezahlt werden (Infos bei Krehl & Partner). Und ein liebevoll saniertes Sechs-Zimmer-Exemplar mit 211 m2 Wohnfläche und fast 1400 m2 Garten in Ohlstedt wird beispielsweise für 675 000 Euro angeboten (Infos bei Dahler & Company). Fazit: Unter einer halben Million Euro sind Kaffeemühlen in Hamburg selten zu finden, außer in nicht so angesagten Stadtteilen wie Lurup, an verkehrsreichen Straßen oder in unsaniertem Zustand.

Viele der 70 bis 80 Jahre alten Bürgerhäuser sind sanierungsbedürftig, wenn sie heute auf den Markt kommen, weil alte Menschen ausgezogen sind. Dann kann eine Modernisierung leicht 40 000 Euro allein für die Wärmedämmung (Fenster, Außenwände und Dach) kosten - Wasserleitungen, Elektrik, Küchen- und Badeinrichtungen sowie Schönheitsreparaturen nicht eingerechnet.

Wer Wert auf den Komfort eines Neubaus legt, auf den Charme der Kaffeemühle aber nicht verzichten möchte, ist mit einem Neubau in Kaffeemühlenoptik gut beraten. Die Firma Massivhaus Hamburg hat zum Beispiel den Klassiker neu aufgelegt. Nach den Wünschen des Bauherren kann die Kaffeemühle in ihrer klassischen Form nachgebaut, dabei aber nach Kriterien des modernen Innenausbaus individuell gestaltet werden. Ein Neubau entstand 2003 in Nienstedten. Er hat im Erdgeschoß einen 88 m2 großen Wohn- und Eßbereich mit offener Küche. Gekostet hat das Haus mit Anthrazit-Klinker 380 000 Euro (inkl. 117 m2 Keller, ohne Grund und Baunebenkosten).

Auch Familie Kattein besitzt einen Neubau in Klein Borstel, der an den Kaffemühlen-Baustil angelehnt ist. "Uns gefiel die puristische Form", sagt Doris Kattein. Und sie habe besser als ihr Wunschhaus im Toskanastil ins Viertel gepaßt. "Wir sind mit den Maurern durch die Elbvororte gefahren und haben alte Kaffeemühlen angeguckt", erzählt sie. Stilmittel wurden kopiert, das Architekturbüro Meyer.Deitlaff plante den Bau. Mit 400 000 bis 450 000 Euro Baukosten ohne Grundstück muß man je nach Ausstattung jedoch bei diesem Neubau rechnen.

Auf 200 m⊃2; Wohnfläche können die Kinder der Katteins nun herumtoben. Da die Geburt des dritten Kindes bevorsteht, baut die Familie bald den Dachboden aus und vergrößert das Haus um weitere 50 m⊃2;.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.