Interview mit Chefarzt der Abteilung Dermatologie

Peter Höger: "Die Eltern sind oft das Problem"

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Wenn das Kind krank ist, wollen Mama und Papa nur das Beste. Warum das nicht immer gut ist, erklärt Professor Peter Höger vom Wilhelmstift.

Hamburg. Der Chefarzt der Abteilung Dermatologie über Neurodermitis bei Kindern und die Ängste der Eltern.

Hamburger Abendblatt: Warum sind vor allem Babys und Kleinkinder von Neurodermitis betroffen?

Prof. Peter Höger: Nach der Geburt kommen Babys mit einer Fülle von Keimen und Allergenen in Kontakt. Da ihr Körper noch keine schützende Immunität aufgebaut hat, ist er grundsätzlich anfällig für Infektionen; bei Säuglingen mit Neurodermitis kommt allerdings noch hinzu, dass die Barrierefunktion ihrer Haut gestört ist. Da haben es Ekzeme in den ersten Lebensjahren leichter, in Erscheinung zu treten.

Tritt Neurodermitis bei Babys und Kleinkindern anders auf als bei Jugendlichen und Erwachsenen?

Höger: Ja. Bei Säuglingen kann der ganze Körper betroffen sein, auch das Gesicht. Bei Kindern sind dann vor allem die Arme und Beine befallen, außerdem die Hand- und Fußgelenke, während in fortgeschrittenerem Alter, also bei Jugendlichen und Erwachsenen, hauptsächlich in den Armbeugen und Kniekehlen Ekzeme auftreten.

Für viele Eltern ist es ein Schock, wenn bei ihrem Baby Neurodermitis festgestellt wird.

Höger: Weil sie von mir hören, dass die Krankheit nicht heilbar ist. Aber ich verbinde diese schlechte Nachricht sofort mit zwei Hinweisen. Erstens: Neurodermitis ist heute sehr gut behandelbar. Zweitens: Die Prognose ist günstig. Bei 70 bis 80 Prozent der Kinder, die im ersten und zweiten Lebensjahr Ekzeme haben, kommt es schon bis zum vierten Lebensjahr zu einer erheblichen Besserung; bis zum Erwachsenenalter verschwinden die Ekzeme dann oft völlig. Wenn es schlecht läuft, liegt das paradoxerweise oft an den Eltern.

Inwiefern?

Höger: Es macht ihnen Angst, dass ihr Kind mit scheinbar starken Medikamenten behandelt werden soll. Deshalb befolgen sie Anweisungen zur Behandlung häufig nicht. Vor allem Cortison sehen viele Eltern kritisch, weil sie an schlimme Nebenwirkungen denken.

Und die gibt es nicht?

Höger: Bei Kindern verwenden wir seit Langem nur noch Abkömmlinge von Cortison. Diese Wirkstoffe führen nicht mehr dazu, dass die Haut dünner wird. Neue Studien haben gezeigt: Wenn man diese neuen Medikamente nur ein bis drei Wochen täglich einsetzt und dann weniger, reduziert sich die Anzahl der Entzündungsschübe bis auf ein Achtel.

Welche Ängste haben Eltern außerdem?

Höger: Viele glauben, Neurodermitis sei in erster Linie eine Nahrungsmittelallergie. Dies führt dazu, dass sie oft Scharlatanen mehr Glauben schenken als seriösen Ärzten. Ich habe Säuglinge behandelt, die unterernährt bei uns eingeliefert worden sind, weil selbst ernannte Neurodermitis-Experten obskure, lebensgefährliche Diäten verschrieben hatten. Der beste Schutz dagegen ist Aufklärung.

Und wie klären Sie auf?

Höger: Wir bieten eine sechswöchige Schulung an, bei der Kinder- und Hautärzte, Diätberater und Psychologen umfassend über Neurodermitis informieren. Ja, auch Psychologen, denn es gibt Eltern, denen das Schuldgefühl eingeimpft wurde, sie hätten ihrem Kind nicht genug Zuneigung gegeben. Nach der Schulung haben sie ein besseres Verständnis für die Krankheit. (mha)