Gesundheit

Studie: Wie Eltern die Gesundheit ihrer Kinder prägen

Kinder gut gebildeter Eltern haben ein geringeres Risiko, krank zu werden.

Kinder gut gebildeter Eltern haben ein geringeres Risiko, krank zu werden.

Foto: Ute Grabowsky/photothek.net / imago/photothek

Kinder von Eltern ohne Schulabschluss haben ein höheres Risiko krank zu werden. Forscher fordern die Politik deshalb zum Handeln auf.

Berlin.  Herkunft prägt: Nicht nur der Schulerfolg hängt in Deutschland stark vom Elternhaus ab. Auch die Gesundheit. Beides ist seit Langem bekannt. Im Prinzip. Forscher der Universität Bielefeld haben sich nun die Daten von rund 600.000 Kindern und Jugendlichen genauer angeschaut und kommen zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Bildung der Eltern spielt bei der Gesundheit der Kinder eine größere Rolle als das Einkommen. Oder anders: Nicht nur das Geld zählt, sondern vor allem die Haltung zu Vorsorge. Ernährung und Bewegung.

Für den Kinder- und Jugendreport der Krankenkasse DAK wurden insgesamt über eine Million Versichertendaten von Kindern und Eltern ausgewertet. Dabei zeigt sich ein klares Bild: Von 1000 Kindern von Eltern ohne Schulabschluss waren 52 krankhaft übergewichtig. Bei Kindern aus Akademiker-Haushalten traf das nur auf 15 Kinder zu.

Bei Karies gibt es in bildungsarmen Familien fast dreimal so viele Fälle wie in bildungsbewussten Elternhäusern. Auch die Anzahl der Kinder mit diagnostizierter Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) ist in bildungsfernen Milieus deutlich höher. Das Risiko für Verhaltens- und Entwicklungsstörungen liegt bei Kindern und Jugendlichen, deren Eltern keinen Abschluss haben, deutlich höher als bei Akademikerkindern.

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Diagnose der Kinder hängt meist mit Lebensstil der Eltern zusammen

Sprach- und Sprechprobleme treten bei Kindern von Eltern ohne abgeschlossene Ausbildung wesentlich häufiger auf. Und schließlich: Kinder von Eltern ohne Bildungsabschluss bekommen mehr Medikamente verschrieben und müssen öfter ins Krankenhaus als ihre Altersgenossen mit besser gebildeten Eltern.

Kinderärzte beklagen seit Langem eine Zunahme von Fällen, die unter dem Sammelbegriff „neue Morbidität“ gefasst werden. Dazu gehören Adipositas (Fettleibigkeit), Störungen des Sozialverhaltens, ADHS oder emotionale Störungen. „Wenn das Elternhaus krank macht, hängt die Diagnose oft mit dem Lebensstil der Eltern zusammen“, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm. Im direkten Vergleich, so das Fazit des Reports, hätten Bildungseinflüsse der Familie deutlich größere Auswirkungen auf die Kindergesundheit als zum Beispiel Einkommensunterschiede. „Wenn sie den Mindestlohn verdoppeln, tun sie wenig für diese Kinder. Wenn sie die Zahl der Schulabbrecher halbieren, tun sie viel“, folgert Studienautor Wolfgang Greiner.

Warum jedoch der Faktor Bildung so stark ist – dazu können die Forscher nur Vermutungen anstellen. Greiner glaubt, dass es eine Frage der Verantwortung sei: Wer gelernt hat, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen, der kümmere sich auch verantwortungsvoll um seine Gesundheit – und sei so seinen Kindern ein gutes Vorbild. Denn auch das zeigt der Report eindrücklich: Haben die Eltern Karies, haben ihre Kinder ein sechsfach erhöhtes Risiko, selbst ebenfalls Karies zu bekommen. Bei Fettleibigkeit, Depressionen oder Suchterkrankungen ist ihr Risiko immerhin noch rund dreimal so hoch.

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Forscher: Politik handelt nicht

Es kommt aber noch etwas anderes dazu: Wer keinen oder nur einen niedrigen Bildungsabschluss hat, hat oft noch mit weiteren Handicaps zu kämpfen. Geringer Verdienst, materielle Sorgen, eigene Erkrankungen. Wenn dann auch noch Suchtprobleme, Gewalt oder die Belastung durch ein Leben als Alleinerziehender dazukommen – „dann fallen die Kinder schnell durch die Maschen“, sagt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.

Er sei deswegen wenig überrascht von den Ergebnissen: „Wir schleppen das Thema seit zehn, fünfzehn Jahren mit uns rum.“ Die Politik sei aber nicht bereit, die nötigen Mittel in die Hand zu nehmen, um eine wirkliche Wende einzuleiten. Seine Forderung: Kitas und Schulen sollten Kindern und Jugendlichen viel stärker als bisher beibringen, wie man gesund lebt und sich vernünftig ernährt.

Doch es geht nicht nur um bessere und vor allem wirksamere Aufklärung: Kinderärzte und Kassenvertreter forderten am Dienstag die Einführung einer Zuckersteuer, um gesundheitsschädliche Lebensmittel unattraktiver zu machen: „Eine Zuckersteuer ist ein sinnvolles Instrument“, so Kassenchef Storm. Neue Regeln müsse es auch für die Werbung geben, so Fischbach: Es sei für Eltern irreführend, wenn etwa Süßigkeiten mit angeblich gesundheitsfördernder Wirkung beworben würden.

Doch die Forderung verhallt bislang: Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) lehnt eine Zuckersteuer ab. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist dagegen – er setzt auf ein freiwilliges Umdenken der Lebensmittelindustrie.

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