Aufklärung

Expertin beklagt „gefährliches Unwissen über Masern“

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Die Leiterin der BZgA klagt im Interview über Impfverweigerer. Die Entwicklung bei Impfungen sei in Deutschland besorgniserregend.

Köln.  Seit dreieinhalb Jahren leitet die frühere Kinderärztin Heidrun Thaiss die in Köln ansässige BZgA, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung , die mit ihren Kampagnen „Gib AIDS keine Chance“ und „Mach’s mit“ bundesweit bekannt wurde. Die Behörde setzt auf Gesundheitsförderung und Präventionsarbeit.

Frau Thaiss, Sie versuchen, die Deutschen von einem gesunden Lebensstil zu überzeugen. Gelingt Ihnen das?

Heidrun Thaiss: Wenn man die beiden großen Gesellschaftsdrogen Nikotin und Alkohol betrachtet, sind unsere Erfolge beim Rauchen zumindest größer als beim Trinken.

Rauchen ist gesellschaftlich inzwischen geradezu geächtet. Tritt beim Alkohol auch ein Lerneffekt ein?

Thaiss: Beim Rauchen konnten wir feststellen, dass man einen Mix von Maßnahmen braucht, damit sich etwas ändert. Die Beratungsstellen vor Ort, das Jugendschutzgesetz, die Tabaksteuer-Erhöhungen, die Rauchverbote im öffentlichen Raum, die abschreckenden Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln und Präventionskampagnen wie die der BZgA haben zusammen mit den Programmen in den Lebenswelten, zum Beispiel in Schulen, zum Erfolg beigetragen. Rauchen ist bei den Jugendlichen nicht mehr cool. Nur noch 7,4 Prozent der 12- bis 17-Jährigen greifen zur Zigarette, ein historischer Tiefstand. So ein gesamtgesellschaftliches Umdenken gibt es beim Alkohol noch nicht überall.

Wie erklären Sie sich das?

Thaiss: Alkohol ist seit Jahrtausenden als Bestandteil geselligen Zusammenseins akzeptiert. Viele Rituale, auch unter Jugendlichen, sind mit Alkohol verbunden.

Und daran wird sich nichts ändern?

Thaiss: In der Alkoholprävention müssen wir dicke Bretter bohren. Mit unserer Kampagne „Alkohol? Kenn dein Limit“ sprechen wir gezielt junge Menschen an, sagen aber nicht: Trinke nicht! Wir informieren darüber , was Alkohol mit dem Körper – gerade bei Heranwachsenden – macht, und welche Auswirkungen das haben kann. Insbesondere in der Schwangerschaft und im Straßenverkehr ist Alkohol fatal.

Trägt Ihre Präventionsarbeit Früchte?

Thaiss: Der Alkoholkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist rückläufig. Das belegen unsere Studien. Zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen trinken mindestens einmal pro Woche Alkohol, 2004 waren es noch 21 Prozent. 13,5 Prozent der Jugendlichen geben an, sich innerhalb des letzten Monats mindestens einmal in einen Rausch getrunken zu haben, 2004 waren es noch 22,6. Auch da gibt es einen deutlichen Rückgang. Wobei: Jungs trinken immer noch intensiver als Mädchen. Das Thema bleibt eine Herausforderung – in jeder Generation wieder neu.

Wie entwickelt sich der Cannabiskonsum?

Thaiss: Unsere repräsentativen Studienergebnisse zeigen, dass der Konsum von Cannabis bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland in den vergangenen Jahren angestiegen ist. Ganz besonders trifft das auf junge erwachsene Männer zu, von denen fast jeder Vierte angibt, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis zu sich genommen zu haben. Diese Entwicklung betrachten wir mit Sorge.

Gleichzeitig steigt die gesellschaftliche Akzeptanz.

Thaiss: Die Risiken des Cannabiskonsums werden nach wie vor unterschätzt. Als psychoaktive Substanz kann Cannabis die Gehirnentwicklung beeinträchtigen und zu schweren Persönlichkeitsstörungen führen. Das gilt ganz besonders, wenn es bereits in jungen Jahren regelmäßig konsumiert wird. Hinzu kommt die Gefahr, dass viele Cannabissorten heutzutage sehr hohe THC-Konzentrationen aufweisen und die schädigende Wirkung dadurch potenziert wird.

Leben die Deutschen heute dennoch gesünder als früher?

Thaiss: Es hängt oft von der Bildung und den finanziellen Voraussetzungen ab. Je wohlhabender und gebildeter, desto gesünder ist in aller Regel der Lebensstil. Ein Beispiel: Die Lebenserwartung von ärmeren, sozial benachteiligten Männern ist zehn Jahre niedriger als bei sozial bessergestellten Männern. Das stellt uns vor Herausforderungen. Wir als Bundeszentrale wollen schließlich alle Bevölkerungsgruppen erreichen.

Sie haben früher als Kinderärztin gearbeitet und sehen das Thema Kindergesundheit mit wachsender Sorge. Wo liegen die Probleme?

Thaiss: Es gibt bei Impfungen eine besorgniserregende Entwicklung. Es lässt mich fast verzweifeln. Impfungen sind eine der größten Errungenschaften, um schwere und tödlich verlaufende Krankheiten zu verhindern.

Es herrscht heute in Teilen der Bevölkerung zum Beispiel ein gefährliches Unwissen über Masern. Masern sind keine Kinderkrankheit, die man einfach mal zum Wohle des Immunsystems überstehen muss. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, Masern auszurotten. Dafür müssen 95 Prozent der Bevölkerung geschützt sein. Wir haben dieses Ziel in Deutschland noch nicht erreicht. Das sollte uns zu denken geben.

Warum sind Masern so gefährlich?

Thaiss: Kinder, die Masern hatten, können als dramatische Spätfolge an einer Gehirnentzündung erkranken, und zwar nicht behandelbar und irreversibel. In seltenen Fällen können Masern auch tödlich verlaufen. Ich verstehe nicht, wie man einem Kind diese Impfung vorenthalten kann. Den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission kann man vertrauen. Dieses Expertengremium befasst sich intensiv mit allen Impfstoffen und spricht eine öffentliche Empfehlung erst nach sorgfältiger Prüfung aus.

Wenn es um Impfungen für den Nachwuchs geht, zeigen sich manche Eltern mal ahnungslos, mal beratungsresistent.

Thaiss: Laut unseren Studien kennt die große Mehrheit der Bevölkerung die Impfempfehlungen. Aber es gibt eine Gruppe, die nicht impft. Manche fürchten die Nebenwirkungen. Dazu muss ich sagen: Jeder Impfstoff hat Wirkungen und Nebenwirkungen. Mit erhöhter Körpertemperatur und Hautschwellungen auf eine Impfung zu reagieren, ist völlig normal. Das ist eine milde Reaktion und nicht vergleichbar mit möglichen deutlich schwereren Krankheitsverläufen, wenn nicht geimpft wird.

Welche Argumente führen Impfgegner an?

Thaiss: Die Debatte um mögliche Impfschäden gibt es noch immer. Laut unseren Studien hat etwa ein Drittel (29 Prozent) der Bevölkerung Angst vor Nebenwirkungen. Andere sehen schlicht keine Notwendigkeit, sich oder die eigenen Kinder impfen zu lassen. Etwa zwei bis vier Prozent der Bevölkerung sind richtig harte Impfgegner, die ideologisch argumentieren. Zu denen dringen wir mit unserer Aufklärungsarbeit nicht durch.

Können Sie deren Haltung nachvollziehen?

Thaiss: Ich kann die Haltung nachvollziehen. Alle Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Aber manche haben eine selektive Wahrnehmung und lassen sich etwa durch Internetseiten, auf denen eindringlich vor Impfungen gewarnt wird, beeindrucken.

Ein Argument der Gegner ist dabei fatal: Ein Kind müsse eine Krankheit auch ohne Impfung durchstehen, weil es so seine Abwehrkräfte stärke. Masern und andere Krankheiten, gegen die man impfen kann, sind aber nicht zu vergleichen mit den harmlosen Virusinfekten, die sich ein Kind in den ersten Lebensjahren einfängt. Impfungen gibt es nur gegen Erkrankungen, die schwere Komplikationen nach sich ziehen können. Und wir sollten dankbar sein, dass wir diese Impfstoffe haben.