Hamburg

Immer mehr Teenager brauchen Hörgeräte

In Hamburg brauchen immer mehr Jugendliche Hörhilfen (Symbolbild)

In Hamburg brauchen immer mehr Jugendliche Hörhilfen (Symbolbild)

Foto: dpa

Auch in Hamburg steigt die Zahl der jungen Menschen mit Hörhilfen. Grund für Hörschädigungen können In-Ear-Kopfhörer sein.

Hamburg.  Die Träger von Hörgeräten werden immer jünger. Schon unter den Jugendlichen bis 20 Jahre weisen 11 Prozent leichte bis erhebliche Hörminderungen auf. Generell würden Hörhilfen heute etwa zehn Jahre früher in Anspruch genommen als um die Jahrtausendwende. Das geht aus den Erhebungen der „Fördergemeinschaft gutes Hören“ hervor.

Sie testet mit ihren drei „Hörmobilen“ auf Deutschlands öffentlichen Plätzen jedes Jahr etwa 25.000 Personen und wertet die Daten statistisch aus.

Bei den 21- bis 40-Jährigen haben demnach 27 Prozent der Testpersonen eine Hörschwäche, bei den 41 bis 60-Jährigen sind es bereits bei 58 Prozent. In der Altersgruppe über 60 Jahre sind nur noch 14 Prozent normal hörend. 33 Prozent der über 60jährigen haben eine leichte, 36 Prozent eine mittlere und 17 Prozent eine sogar hochgradige Hörminderung. Auffallend bei der Ü60-Gruppe ist der enorme Unterschied zwischen Frauen und Männern. Unter den Frauen sind immerhin noch 17 Prozent guthörend, unter den Männern nur noch 11 Prozent.

Auch die Krankenkassen merken den erhöhten Bedarf an Hörhilfen gerade bei jungen Leuten: Im vergangenen Jahr erhielten 1.065 Versicherte der Barmer GEK bundesweit im Alter von 15 bis 35 Jahren eine Hörhilfe – fast ein Drittel mehr als 2010.

In Hamburg wurden in der Altersgruppe der 15 - 35jährigen 2015 insgesamt 26 Hörgeräte verordnet. Bei den Teenagern (bis 20 Jahre) waren es 2014 und 2015 insgesamt 16 Hörgeräte. In den vier Jahren davor (2010-2013) kamen in der fraglichen Altersgruppe dagegen nur drei Hörgeräte zusammen, hieß es bei der Barmer.

Die Ursachen? Mehr Lärm und bessere Technik

Die Ursachen sind vielfältig. Der Sprecher der „Fördergemeinschaft gutes Hören“, Karsten Mohr, nannte vor allem zwei Ursachen: die ingsesamt gestiegenen umweltbedingten Lärmbeslastungen und den technischen Fortschritt. Hörgeschädigten, denen die transistorbasierten Geräte von 1995 und früher kaum noch halfen, könnten heute mit den chipgesteuerten Hörgeräten ihre Hörminderung noch weitgehend kompensieren.

Mit der neuen Technik kann der Akkustiker die deutlich kleiner gewordenden Hörgeräte an einen PC anschließen wesentlich genauer auf das Ohr abstimmen. So können Frequenzbereiche komplett verschoben oder einzeln in der Lautstärke angehoben oder abgesenkt werden. Auch wird den Patienten heute ein Hörtraining angeboten. So werde der oft jahrelang „hörentwöhnte“ Mensch wieder an das selektive Hören herangeführt, so dass er der Kommunikation auch in größeren Gesellschaften und bei lauten Nebengeräuschen wieder folgen kann.

Ärzte und Akkustiker raten dringend dazu, das Gehör regelmäßig zu testen und im Zweifel früh Hörhilfen in Anspruch zu nehmen. Denn wenn das Ohr nicht einwandfrei funktioniert, bilden sich auch die Rezeptoren zur Klangverarbeitung im Gehirn zurück und müssen mühsam wieder aufgebaut werden, wenn das Gerät jahrelang nicht gehörte Töne wieder wahrnehmbar macht.

Fehlen die Ruheoasen, nimmt das Ohr Schaden

Dass das Gehör mit zunehmendem Alter nachlässt, ist normal. Hörschäden aber würden vor allem durch Dauerbelastungen oder plötzliche Höchstlasten verursacht. Das Ohr brauche Ruhepausen der Stille und bei starken Belastungen Anlaufphasen, damit sich das Ohr an die zeitweise Überlastung gewöhnen kann, sagte Mohr. Als Umweltursachen für Hörschäden nannte er Verkehrs- und Fluglärm sowie Überlastungen durch „In-ear-Kopfhörer“. Organische Ursachen für Hörschäden seien nicht ausgeheilte Infektionen bzw. nicht auskurierte Hörstürze.

Die Versorgung der Patienten hat sich verbessert: Nach einem höchstrichterlichen Urteil des Bundessozialgerichts 2005 müssen die Krankenkassen jetzt die „bestmögliche Versorgung“ der Patienten bezahlen. Zwar wird das „bestmögliche“ immer noch an objektiven Messwerten festgemacht und lässt das subjektive Hören weitestgehend außer Acht. Trotzdem hat das Gerichtsurteil dazu geführt, dass die Kassen ihre Zuzahlungssätze Ende 2013 von 400 auf rund 700 Euro pro Hörgerät angehoben haben.

Allerdings kann der Patient ohne Probleme das zwei- bis dreifache für eine Hörhilfe ausgeben, wenn der subjektive Faktor berücksichtigt wird. Auch erlauben die teureren Hörgeräte eine wesentlich feinere Aufteilung der Frequenzbereiche und können damit gezielter helfen. Das Hörgerät muss derzeit sechs Jahre halten. Erst nach Ablauf dieser Frist hat der Kassenpatient Anspruch auf eine neues.