Gesundheitsserie

Wie Sie endlich wieder klar sehen

Professor Maren Klemm ist Fachärztin für Augenheilkunde

Professor Maren Klemm ist Fachärztin für Augenheilkunde

Foto: Andreas Laible

Teil 7: Augenprobleme. Eine Expertin erklärt, wann eine Brille nötig und was bei Kontaktlinsen und Lasereingriffen zu beachten ist

Kind, mach dir mehr Licht an, du verdirbst dir die Augen.“ So mancher kann sich an diese Ermahnung der Großmutter noch erinnern, wenn sie einen beim Lesen unter Schummerbeleuchtung erwischte. Augenärzte hielten diesen Ratschlag lange für falsch. Doch erst kürzlich hat sich herausgestellt: So ganz unrecht hatte die Großmutter nicht.

„Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass das Wachstum der Augen durch starke Beanspruchung, wie zum Beispiel bei Naharbeit, angeregt wird. Und je mehr das Auge wächst, desto kurzsichtiger wird man. Wenn junge Leute, die eine leichte Kurzsichtigkeit haben, im Studium sehr viel lesen, nimmt ihre Kurzsichtigkeit häufig noch zu. In einigen Fällen wächst das Auge bis zum 30. Lebensjahr. Normalerweise ist das Wachstum im Alter von 20 Jahren abgeschlossen. Schlechte Beleuchtung kommt als zusätzlicher Belastungsfaktor hinzu“, sagt Prof. Maren Klemm, Kommissarische Direktorin der Augenklinik am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Brillenträger sollten regelmäßig zum Arzt gehen

Kurzsichtigkeit ist eine der häufigsten Fehlsichtigkeiten. Sie entsteht dadurch, dass der Augapfel zu lang ist. Dadurch wird das, was das Auge sieht, nicht auf der Netzhaut abgebildet, sondern ein Stück davor. Die Ausprägung der Kurzsichtigkeit wird in Minus-Dioptrien gemessen. Die Dioptrie ist ein Maß für die Brechkraft des Auges. „Eine halbe Dioptrie minus fällt nicht ins Gewicht, bei minus ein oder zwei Dioptrien wird das Sehen aber schon merklich beeinträchtigt. Je stärker die Kurzsichtigkeit ist, umso dichter müssen die Patienten die Gegenstände vor die Augen halten, um scharf sehen zu können“, sagt Klemm. Zunächst versucht man, Kurzsichtigkeit mit einer Brille zu korrigieren, deren Gläser am Rand dicker sind als in der Mitte. Dadurch werden die Lichtstrahlen, die ins Auge fallen, zerstreut, sodass das Bild wieder auf die Netzhaut fällt.

Wem auffällt, dass er in der Ferne nicht gut sehen kann, sollte zum Augenarzt gehen und dort einen Sehtest machen. Wird eine Kurzsichtigkeit festgestellt, erhält er eine Brille für die Ferne. „Wer eine Brille hat, sollte alle ein bis zwei Jahre zum Augenarzt gehen und kontrollieren lassen, ob die Stärke der Brille korrigiert werden muss“, rät Klemm. Normalsichtige sollten ab dem 40. Lebensjahr alle fünf Jahre ihre Augen untersuchen lassen.

Weitsichtigkeit kann zu Kopfschmerzen führen

Eine Kurzsichtigkeit macht sich oft schon im Kindesalter deutlich bemerkbar. Das ist bei der Weitsichtigkeit in der Regel anders. Sie entsteht, wenn das Auge zu kurz ist, also das, was das Auge sieht, nicht auf der Netzhaut, sondern quasi dahinter abgebildet wird. Weitsichtigkeit wird in Plus-Dioptrien gemessen. „Patienten mit einer niedrigen oder mittelgradigen Weitsichtigkeit können gut sehen. Dass sie weitsichtig sind, fällt ihnen daher häufig erst auf, wenn sie alterssichtig werden. Denn dann lässt die Fähigkeit der Linse zur Akkommodation nach“, sagt Klemm. Die Linse kann sich durch Änderung ihrer Form auf Nah- und Fernsehen einstellen. Beim Sehen in die Ferne ist die Linse eine Ellipse, je näher das Bild rückt, umso kugeliger wird ihre Form. Das nennen Mediziner Akkommodation.

Weitsichtige können auch Bilder in der Nähe scharf sehen, weil sie unbewusst die Akkommodation einsetzen. „Das ist für das Auge sehr anstrengend und kann auf Dauer zu Kopfschmerzen führen. Daher ist das Tragen einer Brille erforderlich“, sagt Klemm. Diese Brillen sind in der Mitte dicker als am Rand, und bündeln das Licht, sodass das Bild wieder auf die Netzhaut fällt.

Erleichterung bringt eine Lesebrille

Weil die Linse im Laufe des Lebens an Elastizität verliert, lässt die Akkommodation im Alter nach. Um weiterhin scharf sehen zu können, muss man das Bild immer weiter von den Augen entfernt halten – und braucht schließlich eine Lesebrille. Etwa ab dem 40. Lebensjahr beginnt die Akkommodation nachzulassen. Mit 60 ist dieser Prozess abgeschlossen. Dafür gilt folgende Faustregel: „Mit 40 braucht man eine Dioptrie mehr, mit 50 zwei und mit 60 drei. Wenn die Linse nicht mehr akkommodieren kann, gilt folgende Formel: Für die richtige Brille muss die Dioptrienzahl multipliziert mit dem Abstand immer die Zahl 100 ergeben. Zum Beispiel braucht man dann für das Lesen in 33 Zentimetern Abstand eine Brille mit plus drei Dioptrien“, sagt Klemm.

Wer zur Korrektur seiner Fehlsichtigkeit keine Brille tragen will, kann auch Kontaktlinsen tragen. Es gibt harte und weiche Kontaktlinsen. „Die harten sind kleiner, schwimmen nur auf einem Teil der Hornhaut und sind damit etwas gesünder für das Auge, weil die Hornhaut so mehr Sauerstoff und Nährstoffe bekommt. Die weichen Kontaktlinsen sind etwas größer als die Hornhaut, dünner und luftdurchlässiger, aber trotzdem ein bisschen schädlicher für das Auge“, sagt Klemm.

Laseroperation kann eine Alternative sein

Entscheidend ist, dass man die weichen Kontaktlinsen im Gegensatz zu den harten nicht spürt. Das kann dazu führen, dass man vergisst, sie abends herauszunehmen. Das kann böse Folgen haben. „Wir haben immer wieder Fälle mit schweren bakteriellen Hornhautentzündungen, weil die Kontaktlinsen zu lange im Auge gelassen wurden oder die Reinigungsflüssigkeit nicht keimfrei war“, sagt Klemm. Kontaktlinsen sollte man jeden Abend aus den Augen nehmen und dann in einem speziellen Gefäß in einer speziellen Spüllösung aufbewahren, die auch desinfizierend wirkt.

Eine weitere Alternative zur Brille kann eine Laseroperation sein. „Die Verfahren sind mittlerweile so sicher, dass man sie ruhigen Gewissens anbieten kann, weil das Infektionsrisiko sehr gering ist. Vorsicht ist geboten, wenn man trockene Augen hat. Denn durch das Lasern wird die Oberfläche des Auges verändert und das Trockenheits­gefühl verstärkt“, sagt Klemm.

Lasereingriff hat Grenzen

Das Prinzip des Eingriffs: Man schneidet eine kleine Lamelle der Hornhaut auf, klappt diesen Deckel ab und bearbeitet den darunterliegenden Hornhautteil mit dem Laser entsprechend den vorher ermittelten Brillenwerten“, erklärt Klemm. Bei Kurzsichtigkeit wird die Hornhaut in der Mitte etwas ausgehöhlt, bei Weitsichtigkeit ein kleiner Hügel gebildet, in dem man die Hornhaut am Rand aushöhlt. Dann klappt man den Deckel wieder zu und verschließt so die Wunde.

„Dann kann der Patient meist schon am nächsten Tag wieder besser sehen“, sagt Klemm. Allerdings hat diese Methode Grenzen, weil die Hornhaut an den Stellen, wo sie mit dem Laser bearbeitet wird, immer dünner wird. „Dieser Eingriff kann nur an Patienten durchgeführt werden, die eine ausreichend dicke Hornhaut haben. Korrigieren kann man damit Kurzsichtigkeit bis etwa minus sieben Dioptrien und Weitsichtigkeit bis etwa vier bis fünf Dioptrien“, sagt die Augenärztin.

Da eine Laserbehandlung weder rückgängig zu machen ist, noch beliebig wiederholt werden kann, ist die Behandlung erst anzuraten, wenn das Auge ausgewachsen ist. „Und man sollte sich darüber klar sein, dass trotz des Lasereingriffs später eine Lesebrille erforderlich wird. Die im Alter nachlassende Akkommodation der Linse wird durch die Laserbehandlung nicht beeinflusst. Somit kann auf eine Lesebrille im Alter nicht verzichtet werden.

Das zahlen die Kassen

Brillen: Sie werden grundsätzlich nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Es gibt zwei Ausnahmen: Jugendliche unter 18 Jahren und Menschen mit einer schweren Sehbehinderung auf beiden Augen, bei der das bessere Auge nur noch eine Sehleistung von höchstens 30 Prozent erreicht. In diesen Fällen zahlen die gesetzlichen Krankenkassen Festbeträge für die Brillengläser, die sich pro Glas zwischen 10 Euro und höchstens 112,69 bewegen. Die Brillengestelle müssen die Patienten selbst bezahlen.

Kontaktlinsen: Wenn Kontaktlinsen medizinisch notwendig sind, zahlt die gesetzliche Krankenkasse ebenfalls einen Teil der Kosten, allerdings nur bis zu der Höhe, die auch entsprechende Brillengläser gekostet hätten. Die Pflegemittel für die Kontaktlinsen müssen die Patienten selbst bezahlen.

Lasereingriffe: Lasereingriffe zur Korrektur von Fehlsichtigkeiten werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt. Dafür müssen die Patienten pro Auge etwa 1500 Euro Kosten bezahlen.

Hilfe aus dem Internet

www.augeninfo.de Der Berufsverband der Augenärzte informiert auf seiner Webseite über die häufigsten Augenerkrankungen. Unter dem Titel „Blick durch erkrankte Augen“ zeigen Videos, wie sich bei den unterschiedlichen Augenerkrankungen das Sehen verschlechtert.

www.sehen.de Das Kuratorium Gutes Sehen ist eine Initiative, die es sich zum Ziel gemacht hat, über gutes Sehen und Aussehen mit Brille und Kontaktlinsen aufzuklären. Auf ihrer Webseite informiert sie darüber, was beim Kauf von Brillen und Kontaktlinsen zu beachten ist. Außerdem gibt es dort verschiedene Tests, mit denen die Besucher online ihr Sehvermögen überprüfen können.

www.bundesverband-auge.de Der Bundesverband Auge – Selbsthilfe chronische Erkrankungen, bietet auf seiner Webseite eine Beratungshotline zu Augenerkran­kungen an: Sie ist von Montag bis Donnerstag, 10–12 Uhr , unter der Telefonnummer 030/823 24 44 zu erreichen.