Teil 34: Bypass oder Stent?

Was gegen verkalkte Herzkranz-Arterien am besten hilft

Herzchirurgen und Kardiologen entscheiden gemeinsam unter Abwägung aller Chancen und Risiken, welche Methode für den Patienten die größte Erfolgsaussicht verspricht.

Die größten Übel unseres bequemen Wohlstandsdaseins hinterlassen ihre Spuren in dieser Erkrankung. Denn wer sich wenig bewegt und schlecht ernährt, wer übergewichtig ist, einen erhöhten Blutdruck hat und dazu vielleicht noch erblich vorbelastet ist, der lebt mit einem erkennbaren Risiko, sein Herz zu schädigen. Mit der Zeit verkalken die Herzkranz-Arterien, also die Gefäße, die unsere lebenswichtige Pumpe mit Sauerstoff versorgen. Dann lautet die Diagnose des Mediziners: Koronare Herzkrankheit (KHK). Die Folge: Der Herzmuskel leidet unter Sauerstoffmangel. "30 Prozent der über 60-Jährigen sind davon betroffen", sagt Dr. Peter Kremer, Chefarzt der Kardiologie im Albertinen-Krankenhaus in Schnelsen.

Doch nur jeder Zweite von ihnen hat die typischen Symptome: ein Engegefühl mit Schmerzen hinter dem Brustbein, die oft bis in die Arme (meist den linken) ausstrahlen. Angina pectoris (übersetzt: die Enge der Brust) heißt das in der Sprache der Mediziner. Das bedeutet aber auch: 50 Prozent der Erkrankten ahnen nichts von der tickenden Zeitbombe in ihrem Körper. "Deshalb kommt jeder zweite Herzinfarkt wie ein Blitz aus heiterem Himmel", sagt Kremer.

Um trotz verengter Herzkranzgefäße einen Infarkt möglichst zu vermeiden, haben die Herzmediziner zwei Therapieansätze: die Weitung der Gefäße über einen beweglichen Schlauch (Katheter), meist in Verbindung mit dem Einsetzen einer Mini-Metallstütze ("Stent") - dieses Gebiet gehört zur Domäne der Kardiologen; oder das Einnähen einer Ersatzblutbahn ("Bypass") - das Feld der Herzchirurgen. Welche Methode ratsam ist, "kann nur individuell unter Abwägung aller Chancen und Risiken getroffen werden", sagt Privatdozent Dr. Friedrich-Christian Rieß, Chef der Herzchirurgie und Chairman des Herzzentrums Albertinen.

Herzchirurgen verweisen gern auf die statistisch besseren Langzeitergebnisse ihres Reparaturverfahrens. Denn immerhin 30 Prozent der mit einem Standard-Stent (ohne Medikamentenbeschichtung) geweiteten Gefäße sind irgendwann wieder krankhaft verengt ("rezidiv") und machen einen erneuten Eingriff erforderlich.

Bessere Ergebnisse gibt es mit Stents, die eine Wirkstoffschicht tragen. Diese wirkt positiv auf die Zellwucherungen der Gefäßwand. Dadurch liege bei ihrer Verwendung im Albertinen-Krankenhaus die Rückfallquote "momentan unter fünf Prozent", so Kremer. Doch gerade die deutlich teureren (ca. 1200 statt 200 Euro Materialkosten) beschichteten Stents sind in die Diskussion geraten, nachdem einzelne Studien eine erhöhte Thrombosegefahr ergeben hatten. Der Nachweis dafür ist bisher zwar nicht wissenschaftlich eindeutig erbracht, doch hat das möglicherweise erhöhte Risiko die Mediziner zu Vorsichtsmaßnahmen veranlasst. So werden heute gewöhnlich die nach der Stent-Implantation verschriebenen Pillen zur Blutverdünnung und zur Verhinderung von Gerinnseln länger als die früher üblichen sechs Monate verabreicht. Manche Kardiologen raten sogar, diese Vorsorgemaßnahme ein Leben lang einzuhalten.

Die Katheter-Untersuchung ist für den Patienten jedenfalls schnell abgehakt. 30 bis 60 Minuten dauert der Eingriff. Insgesamt 24 Stunden muss er in der Klinik bleiben, um möglichen Komplikationen (Kremer: "In guten Zentren im Promillebereich") begegnen zu können.

Aufwendiger ist da schon die Bypass-Operation. Doch wenn der Durchfluss im Hauptstamm ("Hauptstammstenose") oder in mehreren größeren Gefäßen gestört ist, bleibt nur eine Operation. Das sehen auch die nationalen Leitlinien vor.

Immer häufiger werden dafür die beiden Brustbeinschlagadern verwendet, wenn nur eine, dann meist die linke ("Arteria mammaria"). Dabei wird nur die Arterie verwendet. Begleitvenen, die Nerven und umliegendes Gewebe bleiben erhalten. Im Albertinen-Herzzentrum erhalten 98 Prozent der Bypass-Patienten mindestens eine Brustbeinschlagader, 93 Prozent wurden ausschließlich mit arteriellen Bypassgefäßen ("komplett-arteriell") versorgt. Der Bundesdurchschnitt liegt bei nur 16 Prozent..

Ein weiterer Fortschritt im Rahmen der minimal-invasiven Herzchirurgie: "35 Prozent dieser Eingriffe führen wir ohne Einsatz der Herz-Lungen-Maschine durch", sagt Rieß. Auf dem Gebiet hat er und sein Team seit Jahren gute Erfahrungen gemacht. Denn so werden Organe wie Lunge, Gehirn und Nieren geschont. Insbesondere Risikopatienten werden auf diese Weise geschont. Rieß: "Unser ältester Patient war 94 Jahre alt." Die Dauer der OP: je nach Schweregrad zwischen 90 Minuten und vier Stunden.

Ebenfalls wichtig für die Patienten: "Bei uns beginnt die Reha schon in der Klinik", sagt Sebastian Dienst, der pflegerische Leiter des Herzzentrums.

Und was erwarten die Herzmediziner für die Zukunft? Die Stents werden voraussichtlich immer besser. Denn etwa zehn Prozent des weltweiten Milliardenumsatzes fließt in die Forschung. "Und die bei uns bereits praktizierten schonenderen Operationsverfahren werden sich immer mehr durchsetzen", ist Herzchirurg Rieß überzeugt.