Student

Dauerkarte und Daumendrücken

Julia Klages absolviert ein duales Studium beim HSV und an der Handelskammer

Arbeit mit Aussicht. Von ihrem Schreibtisch blickt Julia Klages auf einen weitläufigen Parkplatz, darauf ein 1700 Quadratmeter großes Zelt. Die Zuschauertribünen und Spielfläche hat sie im Rücken: Julias Arbeitgeber ist die HSV Fußball AG, und solange der Wasserschaden im Kabinentrakt repariert wird, sind die Profi-Kicker übergangsweise in ein Mega-Zelt gezogen. Mit allem, was dazugehört: Sauna, Kraftraum, Küche, IT-Equipment. Letzteres ist Julias Arbeitsgebiet: Die 18-Jährige studiert seit Oktober vergangenen Jahres dual Wirtschaftsinformatik, genauer „Business Informatics“, an der HSBA Hamburg School of Business Administration, einer von der Handelskammer gegründeten staatlich anerkannten Hochschule.

Bei einem dualen Studium wechseln sich drei Jahre lang Theoriephasen an der Hochschule mit Praxisphasen im Unternehmen ab: Nach einem Einführungsmonat beim HSV traf Julia im vergangenen Herbst erstmals auf ihre Kommilitonen an der HSBA. „Der Studiengang ist noch ganz neu, das machen bisher nur acht Leute – und ich bin das einzige Mädchen“, sagt sie. Eine Frau im technischen Umfeld – und dazu noch bei einem Fußballverein? Solche Klischees lässt Julia souverän an sich abprallen: „Sicher, das ist eine Herausforderung, aber das wäre es für jeden anderen auch. Auch für Männer“, sagt sie selbstbewusst.

Eine Herausforderung, weil das Studium anspruchsvoll und bisweilen anstrengend ist. Auf jede Theoriephase folgt ein Prüfungsteil: „Das ist auf jeden Fall ganz anders als in der Schule, anwendungsorientierter und IT-lastig, auch wenn viel BWL dabei ist.“ Programmier- und Softwarekenntnisse würden im Studium gar nicht vorausgesetzt. Natürliche Neugierde ist gefragt, der Wille, sich etwas anzueignen und es ohne Scheu auszuprobieren. Mit dieser Neugierde ist die Tostedter Abiturientin vor einem Jahr auf eine Anzeige der HSV Fußball AG gestoßen. „Ich wollte gerne Sportmanagement machen, weil ich mit dem Sport groß geworden bin“, sagt die Handballerin, die zuletzt mit ihrer Jugendmannschaft den Meistertitel in der Landesliga geholt hatte. Also googelte Julia einfach mal zum Spaß die Begriffe HSV und duales Studium und fand ein Angebot, das sie ansprach: „Wir werden nicht zum typischen Programmierer ausgebildet, wir gucken mal hinter die Technik, das fand ich interessant. Also habe ich mich beworben, und das hat denn auch geklappt“, sagt sie.

Was so locker klingt, hat es durchaus in sich. An die 100 „sehr gute Bewerbungen“ kriegt der HSV auf einen dualen Studienplatz, sagt Personalleiterin Daniela Schumacher. Sechs bis acht Kandidaten werden dann für die Endauswahl ins Assessment-Center eingeladen. „Das ist für uns ein Kennlerntag. Persönlichkeit, Entwicklungspotenzial und Auffassungsgabe zählen“, betont Schumacher.

Für den neuen Studiengang gab es allerdings deutlich weniger Bewerbungen als für „Business Administration“ in den Vorjahren: „Aber das liegt an der Informatik. Das schreckt viele ab.“ Dennoch spricht Schumacher insgesamt von einem Trend zum dualen Studium: Weil die neuen gestuften Studiengänge als verschult und wenig gestaltbar gelten, wählten die jungen Menschen lieber gleich von Unternehmen finanzierte, praxisorientierte Ausbildungswege. „Das duale Studium kombiniert Kriterien, die für einen gelungenen Berufseinstieg stehen – und das in kürzester Zeit“, erklärt Karriereberaterin Ragnhild Struss den Trend. Dazu zählten etwa solides theoretisches Wissen, Handlungskompetenz, gesichertes Auskommen, frühe praktische Erfahrung und Netzwerkbildung.

Dennoch rät die Diplom-Kauffrau in ihrer Beratungspraxis nicht selten von der Kombination aus Studium und Unternehmenspraxis ab: „Auch diese Studienvariante ist persönlichkeitsabhängig und insbesondere eine Frage des Lerntyps.“ Dual Studierende bräuchten sehr viel Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft und eine gewisse Selbstständigkeit – obwohl das Studium als verschult gelte: „Es verlangt sehr viel innere Stabilität und Reife, um der Doppelbelastung standzuhalten“, erklärt Struss. Und wer im Sinne einer

humanistischen Bildungsidee studieren wolle, einen geisteswissenschaftlichen Fokus habe und nach vertiefenden Diskussionen und argumentativer Auseinandersetzung suche, sei in einem dualen Studiengang schlicht fehl am Platze.

In ihrer dreijährigen Ausbildung durchläuft Julia Klages alle Abteilungen beim HSV. Zurzeit arbeitet sie drei Tage im Stadion-Management und zwei in der IT. Das dient dazu, das Unternehmen genau kennenzulernen: „Wenn wir den Bedarf der Abteilungen kennen, können wir Hard- und Software besser anpassen.“ So kümmert sich die Studentin etwa um die Bildschirmanbindung bei einer Sicherheitstagung oder an einem Spieltag um eine funktionierende IT. Für Julia Klages sind die Spiele, für die sie seit einem halben Jahr zwei Dauerkarten besitzt, ein Highlight: „Fußball ist nun einmal unser Hauptgeschäft. Und am Spieltag sieht man, wofür man das Ganze eigentlich macht.“