Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Stolz und auch etwas grimmig schauend steht er neben dem Haupteingang des Michel. Wie viele Städte in Deutschland, würdigt auch Hamburg Martin Luther mit einem Denkmal. Dabei hat er in dieser Stadt nie direkt gewirkt. Aber er wurde zumindest von einem seiner besten Männer und Vertrauten vertreten: Johannes Bugenhagen. Der hat in Hamburg die Reformation durchgeführt, das Schul-, Kirchen- und Armenwesen neu geordnet und den Städtern eine neue Identität gegeben. Das gerade beginnende Themenjahr der Lutherdekade in Hamburg war für uns Anlass, den Schwerpunkt auf diese große Erneuerung in Hamburg zu legen.

Wie kam es dazu, dass Hamburg evangelisch wurde? Was ist heute noch von der Reformation übrig? Wie kann man junge Menschen 500 Jahre danach noch dafür begeistern? Und warum soll eine Stadt, die inzwischen wenig religiös ist, dieses Ereignis überhaupt feiern? Diese Fragen werden sowohl im historischen Essay unseres Autors Matthias Gretzschel beantwortet als auch im Interview mit dem Theologen Prof. Wolfram Weiße.

Spannend ist dabei, dass die kritische Haltung, die Hanseaten oft einnehmen, dieser Zeit entspringt. Die Hamburger haben damals gegen die liederlichen Priester und den Wucher der Pfeffersäcke auf den Straßen protestiert, heute organisieren sie Volksbegehren gegen Schulreformen oder verlangen nach mehr Demokratie. Der Hanseat ist kein Duckmäuser, sondern sagt frei heraus seine Meinung, direkt, ohne Schnörkel. Die Stadt ist offen gegenüber der Welt und anderen Religionsgemeinschaften – da ist sie geradezu vorbildlich. Auch wenn Luther nie hier war, passt seine freiheitliche Art zu denken doch gut nach Hamburg.

Ihre Sabine Tesche