Roter Klinker, grüne Seele

Das „Haus der Zukunft“ an Eimsbüttels Osterstraße war und ist eine Keimzelle für Visionäre in Sachen Umwelt

Elegante Häuserzeilen aus der Gründerzeit wechseln sich in Eimsbüttel mit schmucklosen Nachkriegsbauten ab, Studenten wohnen hier genauso gern wie Senioren. Baumgesäumte Straßen und ein bunter Mix von Geschäften machen den Stadtteil auch bei Familien beliebt. Außerdem haben Menschen mit Visionen hier eine feste Anlaufstelle: das „Haus der Zukunft“, Osterstraße 58. Das „Kompetenzzentrum für Wirtschaft und Umwelt“ beherbergt unter anderem die B.A.U.M.-Zentrale und das Büro von Gründervater und Hausherr Georg Winter.

Die herrschaftliche Villa der Familie Winter, die ursprünglich hier stand, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der schlichte Backsteinbau, der sich heute etwas unscheinbar zwischen einer Kfz-Werkstatt und einer Pizzeria einreiht, wurde 1950/51 von Georg Winters Vater als neue Zentrale für den familieneigenen Diamantwerkzeugbetrieb errichtet. Die Produktionsbedingungen sind dem engagierten Umweltschützer Georg Winter jedoch bald ein Dorn im Auge – er macht Nachhaltigkeit kurzerhand zum erklärten Unternehmensziel: „Ich war und bin der Meinung, dass Umweltschutz Chefsache ist“, sagt er.

Zu der Zeit stehen sich Wirtschaft und Ökologie praktisch feindlich gegenüber. Doch Winter gelingt es zusammen mit seinem Umweltdirektor Maximilian Gege nicht nur, den eigenen Betrieb in ein Vorzeigeprojekt zu verwandeln. Sie stoßen mit ihrem „integrierten System umweltbewusster Unternehmensführung“ (Winter-Modell) und B.A.U.M. auch ein generelles Umdenken in der Wirtschaft an. Epizentrum: das „Innovationslabor“ Osterstraße 58.

1995 beschließt Winter, sein erfolgreiches Unternehmen zu verkaufen. Er behält jedoch das Stammhaus an der Osterstraße, um es einer neuen Bestimmung zuzuführen. Er lässt es komplett entkernen und nach baubiologischen Kriterien neu gestalten. Schadstofffreie Baumaterialien, moderne Türen und Fenster sowie energieeffiziente Heizungs- und Beleuchtungsanlage: Der ehemalige Industriebau ist nach der Remodellierung innen nicht mehr wiederzuerkennen. Die alten Verwaltungsräume und Werkstätten wurden durch großzügige Büros ersetzt. Es gibt einen modern ausgestatteten Konferenzraum, mehrere Aufenthaltsbereiche und eine Gemeinschaftsküche.

Der sanierte Industriebau gilt auch heute noch als ökologisch zukunftsweisend und wurde als erster von der Bauhaus Uni Weimar mit einem Gebäudepass für Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit ausgezeichnet. Die inneren Werte spiegeln sich auch im Mieterprofil: Das „Haus der Zukunft“, das Winter 1998 eröffnet, soll eine Schnittstelle für die Kompetenzen von umwelttechnisch qualifizierten Firmen, gemeinnützigen Verbänden und ähnlich gesinnten Einzelpersonen werden.

Eine seinerzeit etwas abenteuerliche Idee, schreibt Nabu-Hamburg-Chef und Ex-Senator Alexander Porschke in der Festschrift zum 70. Geburtstag von Georg Winter: „Wer das Haus heute sieht, kann die Gestaltungsfreude und das Engagement des Hausherrn noch immer bestaunen. Dass er dabei seiner Zeit gelegentlich weit voraus war, hat die Suche nach den passenden Mietern natürlich nicht immer leicht gemacht. Inzwischen ist es jedoch schwer geworden, noch einen Raum in dem Gebäude zu mieten. Der erfolgreiche Geschäftsmann lässt grüßen.“

30 Firmen und Verbände, die sich der Verbreitung von Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Gesellschaft verschrieben haben, sind im „Haus der Zukunft“. Dazu gehören B.A.U.M., das Netzwerk für Umweltmanagement und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Auch haben sich ökologisch orientierte Architekten, Ingenieure und Pädagogen, Juristen und Medienfaleute sowie ein Verein für Sprechsport – ein weiteres Steckenpferd Winters – eingemietet. Zahlreiche erfolgreiche Aktionen haben an der Osterstraße ihren Ursprung – etwa die Bürgerinitiative „Saubere Luft für Hamburg“, die bundesweit zu neuen Standards für Rußfilter in Kraftwerken führte.