Seereisen

Wo Gäste nur 72 Euro pro Nacht zahlen

Fast zwei Millionen Deutsche pro Jahr buchen eine Seereise. Das Angebot wird immer größer und vielfältiger – auch bei den Preisaktionen

Für 72 Euro die Nacht haben Sie vermutlich schon schlechter gewohnt. Ganz sicher aber ohne üppige Vollpension und Frühstücksbuffets, an denen Sie sich allein bei der Masse an frischen und exotischen Früchten locker um die ganze Welt naschen könnten. Vielleicht legen Sie sich auch ein wenig an den Pool und genießen die Sonne. Oder Sie besuchen die 2600 Quadratmeter große Wellnesswelt. Sie können auch an kostenlosen Fitnesskursen, Yoga oder Herz-Kreislauf-Training teilnehmen. Am Abend werden Sie bei einer Auswahl von sieben Restaurants und zwölf Bars samt Brauhaus gewiss ein Lieblingsplätzchen entdecken. Der Eintritt in eine mitreißende Show ist ebenfalls frei. Gar nicht übel für 72 Euro, oder?

Dieses unschlagbar günstige Traumhotel ist allerdings permanent unterwegs. Unser Preisbeispiel beschreibt einen Törn auf der „AidaStella“ vom 1. bis 8. März, die ab/bis Gran Canaria um die Kanarischen Inseln kreuzt. Für 499 Euro in der Innenkabine sind Schnellentschlossene dabei. Acht-Tage-Kreuzfahrten sind aber auch schon mal für 299 Euro zu bekommen. Wer im Internet zum Beispiel beim Kreuzfahrtspezialisten e-hoi.de stöbert, staunt über so manches Schnäppchen unter mehr als 23.400 Kreuzfahrten auf mehr als 400 Schiffen.

Kein Wunder also, dass 2013 fast zwei Millionen Deutsche eine Seereise buchten. In Europa ist Deutschland ohnehin der Wachstumsmarkt Nummer eins. Richard J. Vogel, Chef von TUI Cruises, sieht sogar ein Potenzial von drei Millionen Passagieren. Kreuzfahrten sind im Trend – das Image vom elitären Langeweile-Urlaub für betuchte Senioren ist längst passé. Zudem hat sich die Kreuzfahrtindustrie in den vergangenen zehn Jahren globalisiert. Weltweit steuern Vergnügungsschiffe die interessantesten Ziele an, und viele Deutsche genießen es, sich unter ein internationales Publikum zu mischen.

Social Media wird inzwischen auch bemüht, um Seereisen schmackhaft zu machen. So bringt MSC Kreuzfahrten mit einer neuen Videokampagne eine Brise mediterrane Lebensart in die digitale Welt. Unter #MEDWAYOFLIFE finden sich sechs Videos im YouTube-Channel des Unternehmens, auf Facebook, Twitter, Instagram, Google+ und Pinterest. Die Filme wurden an Bord der „MSC Preziosa“ gedreht und zeigen besondere Momente, die Gäste auf einer MSC-Kreuzfahrt erleben können.

Die meisten Reedereien ermöglichen ihren Gästen deutlich mehr Individualität als noch vor einigen Jahren. Mit Erfolg: Die Abkehr von starren Samstag-bis-Samstag-Kreuzfahrten sowie ein wachsendes Angebot an Kurzreisen werden angenommen. Von dem Wunsch nach Ortswechsel und einem verlängerten Verwöhnwochenende profitierten zuvor nur Resorts an Land. Doch welcher Hotelbetrieb kann schon mit dem mannigfachen Angebot eines modernen Oceanliners mithalten? Zumal nahezu jeder Tag in einem schwimmenden Hotel einen anderen Hafen und neue Eindrücke bringt.

Ganz neu ist das „Slow Cruise“ der Reederei Costa. Kleinere Schiffe, abgelegene Destinationen und ein maßgeschneidertes Angebot bieten den Gästen ein neues Kreuzfahrterlebnis. Die „Costa neoRiviera“ und „Costa neoRomantica“ steuern Reiseziele an, die abseits der viel befahrenen Strecken liegen und somit für größere Schiffe unzugänglich sind. Die längeren Aufenthalte in den jeweiligen Häfen, oftmals über Nacht, ermöglichen es, die einzelnen Orte intensiv zu erkunden. Zum „Slow Cruise“ gehört auch „Slow Food“. Versprochen wird eine exquisite Auswahl an Speisen und Weinen. An Bord wie auch an Land sollen die regionalen Traditionen der jeweiligen Destinationen den kulinarischen Ton angeben. Die Rezepte der Bord-Menüs wurden in Zusammenarbeit mit der Universität der gastronomischen Wissenschaften in Pollenzo kreiert – der Kernzelle der „Slow Food“-Bewegung. Auch die Essenszeiten werden dem entspannten Tempo angepasst. Die Passagiere können ihr Abendessen zwischen 18.30 Uhr und 22.30 Uhr einnehmen.

Wem das dann doch zu gemächlich ist: Die Mega-Liner mit 2000 Passagieren und mehr offerieren einen turbulenten, nahezu perfekt inszenierten Ferienkosmos. Aktivurlauber werden da genauso umworben wie Familien mit Kindern. Und die Preise purzeln weiter. Der Grund: Jedes Jahr stechen weitere spektakuläre Neubauten in See. Mit der „Norwegian Getaway“, „Mein Schiff 3“, „Regal Princess“, „Costa Diadema“ und „Quantum of the Seas“ gehen 2014 fünf Oceanliner mit einer Gesamtkapazität von 19.989 Kabinen auf Jungfernfahrt.

So lassen sich höhere Preise kaum durchsetzen, eher ist das Gegenteil der Fall, denn leere Kabinen bringen keinen Umsatz. Der zunehmende Wettbewerb unter den Reedereien und Kreuzfahrtanbietern ist ein Segen für Sparfüchse. Denn die profitieren von einer ganzen Palette von Vergünstigungen. Frühbucher-Rabatte und Last-Minute-Aktionen, Wellness-Pakete, Bordguthaben und preisreduzierte Landausflüge – an Verlockungen besteht kein Mangel. Wer auch zeitlich flexibel ist, kann weiteres Sparpotenzial ausfindig machen.

Viele Passagiere möchten heutzutage spontan sein und legen keinen Wert mehr auf komplett durchorganisierte Pauschalreisen. Und wer sich nicht sicher ist, ob eine Kreuzfahrt überhaupt das Richtige ist, versucht sich erst mal an einem Kurztrip, um sich mit den Gepflogenheiten auf einem Schiff vertraut machen zu können. Das finanzielle Risiko ist dabei mehr als überschaubar: Eine Drei-Tage-Reise mit der „Norwegian Spirit“ von Málaga nach Barcelona vom 22. bis 24. April wird etwa schon ab 99 Euro angeboten.

Und selbst nobel geht heute günstig: Ab 115 Euro kostet die Nacht plus Vollpension auf dem Luxusliner „Queen Elizabeth“ während einer Reise vom 21. bis 28. November im östlichen Mittelmeer von Rom bis Venedig. Je nach Kabinenkategorie gibt es noch bis zu 90 Dollar Bordguthaben geschenkt. Mit stilvollem Art-déco-Ambiente erweist die „Queen“ dem goldenen Zeitalter der Seereisen Reverenz. Gentleman-Hosts als Tanzpartner für allein reisende Damen, tägliche Teatime und elegante Bälle inklusive.