Hungrige Gottesanbeterin

Zwei Ballettsuiten und eine Hommage an Don Quixote

Unzufriedenheit ist nicht die schlechteste Triebfeder für Kreativität. Als Felix Mendelssohn Bartholdy 1839 die Anfrage erhielt, ob er eine Konzertouvertüre für das Drama „Ruy Blas“ von Victor Hugo schreiben wolle, las er das Werk, fand es abstoßend und schmiss innerhalb drei Tagen eine schwungvolle Musik von ungefähr acht Minuten Dauer aufs Notenpapier. Als Maurice Ravel bei der Komposition des Auftragswerks „Daphnis et Chloë“ von Sergej Diaghilews Ballets Russes immer wieder Sonderwünsche erfüllen und auf die Bedürfnisse einer Ballett-Compagnie eingehen musste, molk er dem Werk kurzerhand das Material zu zwei Orchester-Suiten ab, bei denen ihm kein Tanzbein in die Quere kommen würde, und brachte diese sogar schon vor der Uraufführung des Balletts (die war im Juni 1912) heraus.

Mendelssohns „Ruy Blas“ und die zweite, populärere der beiden „Daphnis et Chloë“-Suiten Ravels bilden die Klammer für ein dramaturgisch gewohnt schön durchdachtes „Chefkonzert“, mit dem das NDR Sinfonieorchester das Jahr 2014 einläutet. „Fantasiewelten“ schreibt Thomas Hengelbrock als Motto über seine Auswahl von vier Kompositionen, die das Mythische, Märchenhafte, Abseitige, ja, Skurrile in den Mittelpunkt rücken. Auch Don Quixote, der Ritter von der traurigen Gestalt, wird mit seinem getreuen Knecht Sancho Pansa durch die Fantasie der Zuhörer geistern, so, wie Richard Strauss ihn als 33-jähriger Komponist in seiner gleichnamigen sinfonischen Dichtung skizzierte.

Welcher musikalischen Gattung das Werk angehört, schrieb Strauss eigenhändig in die Noten: „Fantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters“. Vor üppig besetztem Orchester übernimmt dabei das Cello den Part des Don Quixote, jener von Miguel de Cervantes unsterblich gemachten Figur, die über der Lektüre von Ritterromanen hinreichend Verstand eingebüßt hat, um nun ihrerseits heldenhaft und hoch zu Ross durch die Lande zu ziehen, auf der Suche nach Ruhm und Ehre und vor allem nach Anerkennung durch die unerreichbar ferne, weil nur in seinen Minneträumen existente Dulcinea von Toboso.

In unfassbarer Unschuld verlieben sich ein Ziegenhirt und eine Schäferin

Andere Orchester engagieren für die große Partie gern einen Solocellisten von außerhalb, das NDR Sinfonieorchester vertraut auf die Qualitäten seines ersten Pults. Deshalb macht für die etwa 45 Minuten dieses Werks Christopher Franzius, erster Solocellist des Orchesters, Don Quixote wieder lebendig (bis zu seinem ergreifenden Tod in Variation Nummer 11), während der erste Solobratscher Jan Larsen in die musikalische Rolle Sancho Pansas schlüpft – dabei assistiert von der Tenortuba und der Bassklarinette, denn die dem Knappen zugedachte Musik erscheint auf diese drei Instrumente verteilt.

Cervantes schrieb seinen Ritterschelmenroman im 16. Jahrhundert. Die Quelle von Ravels „Daphnis et Chloë“ ruht gar im zweiten vorchristlichen Jahrhundert. In einem glanzvoll gedichteten Epos erzählt der Grieche Longos die Geschichte des Ziegenhirten Daphnis und der Schäferin Chloë, die, beide anfangs von Tieren aufgezogen, sich als Heranwachsende ineinander verlieben. Ihr heißes Verlangen korrespondiert dabei mit unfassbarer Ahnungslosigkeit in erotischen Dingen, was Longos genüsslich auserzählt. Ravels Suite Nr. 2 gibt diesem mächtig unschuldigen Eros bezaubernde Klangfarben; sie ist ein Glanzstück (auch) seiner Orchestrierungskunst.

Im „Sacre“-Jahr 1913 schrieb der bei uns viel zu wenig bekannte Franzose Albert Roussel eine Ballettmusik, in der es um Kleinstvieh geht: „Le festin de l’araignée“. Eine Spinne wünscht in ihrem Netz reiche Beute abzupflücken, doch ach!, es kommt ihr eine spinnenhungrige Gottesanbeterin ins Gehege.

„Fantasiewelten“ 16.1., 20.00, 19.1., 11.00, Laeiszhalle. Karten zu 10,- bis 46,- unter T. 44 19 21 92 oder www.ndrticketshop.de