Überirdische Musik als Bewegung

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Annette Stiekele

John Neumeier vollendet seine Ballettversion von Bachs „Weihnachtsoratorium“ um die fehlenden drei Teile

Die meisten Menschen würden eher in die Kirche gehen, um Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium zu lauschen und dabei innere Einkehr zu halten. Dabei erinnert es so, wie John Neumeier es mit seinem Hamburg Ballett auf der Bühne präsentiert, an den ureigenen Sinn des Festes, an die Geburt des Erlösers, innere Werte und Sammlung jenseits aller Konsumzwänge. Bislang hatte der Ballettchef die ersten drei Teile erarbeitet, nun sollen die letzten drei Teile das Œuvre komplett machen.

Neben den literarisch inspirierten Stücken wie „Die Kameliendame“, den Tschaikowsky-Klassikern und modernen Choreografien wie „Le Sacre“ nehmen die sakral ausgerichteten Choreografien mit der „Matthäus-Passion“, dem „Messias“ und dem „Weihnachtsoratorium“ einen großen Raum im Schaffen Neumeiers ein.

Keine andere Ballett-Kompanie auf der Welt hat so viele wichtige religiöse Werke im Programm. Ein anerkannter Leipziger Thomaskantor attestierte Neumeier, er habe der symbolträchtigen Musik Bachs eine weitere bildhafte Ebene der Symbolik hinzugefügt. Der Tanz wirke dem Theoretisieren von Religion entgegen und befördere das Ganzheitliche. „Bachs Musik ist deshalb sehr tanzbar, weil er einen strengen Rhythmus hat, der gleichzeitig die Möglichkeit lässt, einen eigenen Rhythmus dazuzuerfinden“, so Neumeier. „Der strenge Rhythmus engt nicht ein, er befreit sogar. Für mich ist Bach eine vom Zeitgeist befreite Musik, die einfach überall existieren kann. Eine sehr moderne Musik.“ Nie hat er sich direkt geäußert, ob nun die Musik sich nach dem Tanz richtet oder der Tanz nach der Musik.

Auf jeden Fall gilt: „Tanz an sich ist kein Ritual, sondern die Reaktion von Menschen auf eine überirdische Musik.“ Neumeier findet zu einer Erzählweise, in der Besinnlichkeit und getanzter Frohsinn sich zum Wohl des Ganzen verbinden. Zu Beginn erscheint ein schrulliger Mann, der am Bühnenrand seinem Tannenbaum ein Licht aufsetzt. Eine Art Begleiter der biblischen Geschichte im Heute. Dann fegt der Eingangschor über die Bühne. Zum Teil hat Neumeier beinahe akrobatische Figuren entwickelt. Die Bühne wechselt von lichtem Weiß zu gedämpftem Schwarz.

Insgesamt ist die Handlung sehr reduziert erzählt. Die Figuren tragen keine biblischen Namen, sie sind „die Mutter“, „ihr Mann“, „ein Mann“, „ein Hirte“, „Engel“ oder „Hirten“. Die Inszenierung setzt auf starke Bilder. Heutige Bilder. Reisende, Entwurzelte ohne Heimat. Der ausgewiesene Barockspezialist Alessandro de Marchi bleibt im Verbund mit den Philharmonikern und dem Staatsopernchor bei wohlfeiler Zurückhaltung und behauptet die bachsche Musik neben dem Bühnengeschehen. Auch das Solistenquartett aus Christoph Genz, Mélissa Petit, Katja Pieweck und Wilhelm Schwinghammer verspricht eine hörenswerte musikalische Umsetzung.

Weihnachtsoratorium – Teile I–VI 8., 10., 11., 14., 15., 26.12., 1.1.2014, Karten 7,- bis 176,- unter T. 35 68 68; www.hamburgische-staatsoper.de