Die Zeitung aus dem Glaskasten

Kein Tag in der Redaktion der „Harburg & Umland“-Ausgabe ist wie der zuvor. Doch manche Dinge ändern sich nie

Harburg. Da steht er wieder, der schlafende Mann. Anstatt seinen dezenten Rausch im heimischen Bett auszukurieren, postiert sich der junge Mann vor der gläsernen Harburg-Redaktion des Hamburger Abendblattes. Und schläft. Im Stehen, wohlgemerkt. Nicht ein-, sondern immer wieder mal. Morgens um halb zehn in Deutschland. In Hamburg, um genauer zu sein, mitten in Harburg, um noch exakter zu werden. Und man fragt sich: Warum geht er nicht nach Hause? Es ist dies nur eines von vielen Phänomenen, denen man als Redakteur in einem gläsernen Zeitungsmach-Studio begegnet.

Morgens um halb zehn in Harburg: Der Kaffee läuft noch durch die reichlich betagte Maschine, die ersten Redakteure schlagen auf, während im Sekretariat schon Anrufe im Dutzend eingegangen sind. Eva Przybilla und Maria Zajonz berichten, was bisher geschah. Ein Leser hat seine Zeitung nicht bekommen. Das Servicebüro kümmert sich um ihn. Ein weiterer fragt sich und uns, warum er im Blatt nichts über die Veranstaltung liest, die er gestern Abend besucht hat. Zwei Antworten erhält er: Weil wir die Veranstaltung bereits im Vorfeld angekündigt haben, damit möglichst viele Leser animiert werden, sich noch Karten zu besorgen – und weil wir leider schon um 17.30 Uhr „andrucken“, also die Seiten zur Belichtung geben. Apropos: Auch, wenn es noch früh am Tag ist – es wird Zeit, sich um die Themen zu kümmern.

Um 10 Uhr ist Konferenz. Der Harburg-Tisch ist voll besetzt: Es gibt Neues aus dem Binnenhafen und vom Phoenix Center. Die Nachricht aus dem Hafen: Dass sich entgegen vollmundiger Ankündigungen immer noch nichts tut im Falle der Schloßinsel-Brücke. Manchmal ist auch Stillstand berichtenswert. Hallo Verwaltung!

Abwarten! Kommt Zeit, kommt Titel-Story. Meistens

Dafür kommt Bewegung in die Erweiterungspläne von Harburgs Shopping-Paradies. Könnte das der Aufmacher sein? Oder mal was Kulturelles aus der Kneipenszene? Abwarten. Kommt Zeit, kommt Titelstory. Meistens. Was bietet denn die Umland-Crew?

Der Salzhausener Klinik-Skandal weitet sich aus. Da müssen wir dranbleiben. Und dann ist da noch die Homestory über diesen Mittfünfziger, der in seinem Hittfelder Hobbykeller maritime Seeschlachten in Streichholzschachtelformat nachbaut. Eine ganz menschliche Geschichte, in der man viel über Historie erfährt. Mal machen, wenn Platz ist! Platz. Gutes Stichwort. Haben wir heute eigentlich Anzeigen?

Morgens um 11 in Harburg: Das „Haupthaus“ ruft an, die Redaktion in der großen Stadt. Diese Geschichte mit dem Bastler und seinen Modellen: Wäre das nicht auch was für die Nordseite im Hamburg-Ressort? Wäre das nicht „verschenkt“ in Harburg? Liebe Kollegen nördlich der Elbe: Verschenkt ist hier gar nichts. Wir haben die besten Leser der Stadt! Aber gut, den Nordelbiern gönnen wir solch schöne Themen auch. Vielleicht mal bei den Außenposten anrufen: Was gibt’s, Kerstin Lorenz in Stade und Carolin George in Lüneburg. Frau Lorenz hat die ganze Nacht auf dem Bauch im Garten gelegen. Und in Paparazzi-Manier mit ihrer Hochleistungskamera einen äußerst seltenen Nachtfalter erwischt. Hmm. Ist das eine Seite wert? Die Bilder sind toll. Mal drüber nachdenken. Vielleicht eine größere Geschichte, in der wir aufzeigen, was im Garten passiert, während wir schlafen? Gute Idee. Frau George ist dabei, einen Mietskandal aufzudecken. Kann heute klappen, muss aber nicht. In zwei Stunden wissen wir mehr.

Mittags um 12 in Harburg: Der Schläfer ist verschwunden, stattdessen streitet sich ein (Liebes?)-paar vor dem Fenster. Also: Vor dem Fenster steht nur er. Mit dem Handy in der Hand. Doch wenn seine Liebste sich irgendwo im Stadtteil befindet, müsste sie ihn eigentlich auch ohne Telefon hören. Weit dezenter, weit, weit freundlicher und willkommen: Die Leser, die uns in der Redaktion besuchen. Sie wollen uns Beobachtungen schildern, Fragen loswerden oder sich über den Nachbarn beschweren, der morgens ihr Abendblatt mopst. Für sie haben wir ein Service-Center eingerichtet, in dem sich ihrer Freuden und Sorgen persönlich angenommen wird.

Der Sport füllt eifrig Tabellen, telefoniert die Ergebnisse der Ligen ab

Nachmittags um 15 Uhr in Harburg: So langsam müssen wir zu Potte kommen mit den Seiten! Mietskandal machen wir morgen. Ist noch zu heikel. In Buchholz hat man sich – so berichtet Kollegin Tauer – mal wieder in Sachen Haushalt in den Haaren. Yo. Das isses. Die Texte laufen ein, die Zeilen entstehen. Der Sport füllt eifrig Tabellen, telefoniert Ergebnisse der Fußball-Ligen ab und sortiert die Namen der Teilnehmer beim 34. Alt-Muchthausener Melkschemel-Weitwurf. Oder so.

Abends, 17.30 in Harburg: Sechs Seiten sind gefüllt. Während vor dem Fenster die Halbliterflaschen kreisen, schnüren wir nüchterne „Onlinepakete“ für den Internetauftritt auf abendblatt.de. Geschafft. Mal wieder. Dank eines tollen Teams.