„Ich muss doch wissen, was so los ist“

Die Norderstedterin Margot Delowsky, 84, ist leidenschaftliche Abendblatt-Leserin – und das schon seit 65 Jahren

Margot Delowsky ist eine Frau der klaren Worte: „Ich will Ihnen mal was sagen, junger Mann. Wenn ich heute das Abendblatt lese, dann entdecke ich doch hin und wieder mal einen Rechtschreibfehler. Das war beim Abendblatt früher aber anders.“ Margot Delowsky muss es wissen, denn sie kennt das Abendblatt nicht erst seit gestern oder vorgestern. Die 84 Jahre alte Norderstedterin ist Leserin der allerersten Stunde.

Als am 14. Oktober 1948 das Hamburger Abendblatt auf den Markt kam, da war Margot Delowsky 19 Jahre alt, lebte bei ihren Eltern in Lokstedt und schnappte sich sogleich die neue Zeitung, nachdem Vater Walter sie ausgelesen und beiseite gelegt hatte.

„Für meinen Vater war es ganz selbstverständlich, dass das Abendblatt abonniert wird“, erinnert sich die agile Rentnerin, der man so gar nicht abnehmen mag, dass sie bereits 84 Jahre alt ist. Sie flitzt die Treppe zu ihrer Wohnung im ersten Stock des Doppelhauses am Harkshörner Weg rauf, in der sie seit dem Tod ihres Mannes Wilhelm allein lebt, dass es nur so eine Freude ist. Und sie erinnert sich auch noch ganz genau, wie es damals – kurz nach der Währungsreform – war, als es plötzlich das Abendblatt zu kaufen gab: „Die Zeitung war ungemein wichtig: Im Abendblatt stand beispielsweise drin, welche Straßen gesperrt sind, weil Trümmer beseitigt werden. Für mich war vor allem interessant: Welche Theater haben wieder geöffnet? Wo kann man abends hingehen? Was ist überhaupt so los in der Stadt? Das stand schon damals alles im Abendblatt“, sagt Margot Delowsky, die nach dem Krieg ein Ausbildung zur Chemielaborantin absolviert hatte und zu der Zeit bei den Valvo-Werken an der Stresemannallee arbeitete.

Und Margot Delowsky erinnert sich auch an das: „Im Abendblatt gab es schon bald die ersten Berichte über den Krieg, und wer bei den Nazis alles mitgemacht hat. Ich erinnere mich, dass es dann hieß, dass der und der Künstler oder Theatermann Nazi war und nun nicht mehr auftreten durfte.“

Im Jahr 1952 heiratete Margot Delowsky ihren Wilhelm. Das junge Paar lebte zusammen mit Margots Eltern im Lokstedter Zweifamilienhaus – und das Abendblatt gehörte all die Jahre ganz selbstverständlich mit zur Familie. Und ganz selbstverständlich war es auch, dass als erstes die Immobilienanzeigen im Abendblatt durchforstet wurden, als das junge Paar mit den Eltern Ausschau nach einer neuen Bleibe halten musste. Familie Delowsky hatte inzwischen Nachwuchs bekommen, doch da das Haus in Lokstedt nicht mehr ausgebaut werden konnte, hieß es eben, was Neues zu suchen.

Natürlich wurde die Familie im Abendblatt fündig: „Wir wollten, dass unsere Kinder im Grünen aufwachsen – ja, und so haben wir dann 1962 dieses Haus in Harksheide gekauft, Norderstedt gab es ja noch gar nicht“, erzählt Margot Delowsky.

Die junge Familie wohnte im ersten Stock, die Eltern unten im Erdgeschoss. Von Norderstedt, pardon Harksheide, war sie anfangs nicht so begeistert. Das sei jedes Mal ein Tagesausflug gewesen, wenn man mal nach Hamburg wollte. Doch dann sei die ganze Familie inklusive der mittlerweile drei Kinder in der aufstrebenden Stadt Norderstedt schnell heimisch geworden.

Als im April 1969 die erste Ausgabe der Norderstedter Zeitung herauskam, war das natürlich ganz im Sinne von Margot Delowsky. „Endlich konnte man auch mal lesen, was bei uns in Norderstedt passiert. Vor allem Schulthemen haben mich damals sehr interessiert, aber auch alles, was mit Sport zu tun hatte“, sagt die 84-Jährige, die selbst viele Jahre lang als Schwimmerin und Radfahrerin aktiv war.

Als 1989 dann ihr Vater Walter starb, griff Margot Delowsky zum Telefonhörer, rief beim Abendblatt an und fragte, ob etwas dagegen sprechen würde, wenn sie das Abonnement ihres Vaters übernähme. Natürlich sprach überhaupt nichts dagegen!

Seitdem sind beinahe wieder 25 Jahre vergangen. Inzwischen ist es so, dass Margot Delowsky jeden Morgen nach dem Aufstehen, und nachdem sie geduscht und sich angezogen hat, zum Briefkasten an der Gartenpforte geht und das Abendblatt aus der Zeitungsrolle nimmt. „Ob Sie es glauben oder nicht: In all den Jahren, in denen ich das Abendblatt lese, hat es mit der Zustellung eigentlich immer wunderbar geklappt“, sagt sie. Mit einer Ausnahme: Eine Zeit lang sei morgens immer ein Zusteller mit dem Auto vorgefahren, der stets seine Wagentür offenstehen ließ, so dass Margot Delowsky und alle anderen Hausbewohner von der lauten Musik, die aus dem Auto dröhnte, fast aus den Betten fielen. „Ich hab dann zum Telefonhörer gegriffen, und nach dem zweiten Anruf beim Abendblatt war dann alles wieder gut“, freut sich Margot Delowsky noch heute.

Doch zurück zum morgendlichen Abendblatt-Ritual: Gegen halb acht sitzt Margot Delowsky in ihrem Lesezimmer und beginnt mit der Lektüre. Zunächst wird – na klar! – der Norderstedt-Teil durchgearbeitet, danach geht’s mit Seite 1 beginnend mit der großen Politik weiter bis zum Vermischten auf der letzten Seite: „Ich interessiere mich eigentlich für fast alles, nur den Sportteil, den blättere ich meistens nur so durch. Aber den Hamburg-Teil, die Kultur und die Wirtschaft – das lese ich mit Begeisterung. Ich bin mit meiner Freundin viel in der Stadt Hamburg unterwegs, da muss man schließlich wissen, was los ist“, betont Margot Delowsky, die, wie sie sagt, ein besonderes Faible für die humorvollen Geschichten im Abendblatt hat.

Wenn sie das Abendblatt durchgelesen hat – ein zweite Leserunde legt sie oft am frühen Nachmittag ein („Dann lese ich im Abendblatt das, was ich morgens nicht geschafft habe“) –, schnappt sich am Abend Sohnemann Gerd das Abendblatt von Muttern, um sich darüber zu informieren, was in der großen weiten und in der kleinen Welt vor der Haustür so geschehen ist. Ihr Sohn lebt mit Frau und den beiden Kindern in der Erdgeschosswohnung des Hauses.

Was Margot Delowsky ganz besonders freut: Auch ihre 18-jährige Enkelin Anna greift immer öfter zum Abendblatt. „Wenn meine Enkelin für die Schule irgendetwas von mir wissen will, dann sage ich schon mal: Guck doch ins Hamburger Abendblatt, da steht bestimmt was drüber drin“, lächelt die Norderstedterin.

Sie selbst hat die Dienste der Abendblatt-Reporter auch schon in Anspruch genommen. Gut zehn Jahre ist es her, dass in der benachbarten Kiesgrube Motorradfahrer ihrem lauten Hobby nachgingen und in der Nachbarschaft für Unruhe sorgten. Die Norderstedt-Redaktion griff das Thema nach einem Anruf aus dem Hause Delowsky damals auf, auch der Oberbürgermeister schaltete sich ein, erinnert sich Margot Delowsky, und dann war auch wieder Ruhe!

Was wäre eigentlich, wenn es das Abendblatt nicht mehr gäbe? Margot Delowsky überlegt nur kurz und sagt dann: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Dann wäre ich wirklich traurig.“ Für sie sei im Übrigen eines ganz klar: „Wenn ich mal nicht mehr bin, wird mein Sohn zum Telefonhörer greifen, beim Abendblatt anrufen und fragen, ob etwas dagegen spricht, dass er nun das Abonnement seiner Mutter übernimmt.“