Was wäre Hamburg ohne das Abendblatt?

Die Wiedergeburt der Rathaus-Kaiser

„Neunzehn deutsche Kaiser suchen einen Paten“, titelte das Abendblatt in seiner Ausgabe vom 26. Mai 1994 – und startete damit eine bis dahin beispiellose Aktion. Gemeint waren die überlebensgroßen jeweils etwa 600 Kilogramm schweren Bronzestatuen deutscher Kaiser, die die Fassade des 1897 eröffneten Hamburger Rathauses zieren. Leider sahen die ganz im Stil des Historismus des späten 19. Jahrhunderts gestalteten Kaiserfiguren damals ganz und gar nicht mehr majestätisch aus. Aggressive Stäube, saurer Regen und Taubenkot hatten ihnen über die Jahrzehnte hinweg so stark zugesetzt, dass manche der hohen Herren kaum noch zu erkennen waren. Im Hinblick auf den 100. Geburtstag, den Hamburgs Rathaus 1997 möglichst in neuem Glanz feiern sollte, war das eigentlich ein unhaltbarer Zustand. Wie viel die Restaurierung eines jeden dieser Kaiser kosten würde, war anfangs nicht klar – dass die Stadt dafür kaum die nötigen Mittel aufbringen würde, dagegen schon.

Damit wollten sich der Historiker Ernst Schmacke und der Fotograf Gerhard Krause nicht abfinden, deshalb wurden sie eines Tages in der Abendblatt-Redaktion mit einer Idee vorstellig. Wäre es nicht möglich, dass das Abendblatt seine Leser dafür begeistern könnte, Patenschaften für die bedrohten Kunstwerke an der Rathausfassade zu übernehmen?

Der Enthusiasmus der Geschichtsbegeisterten war so ansteckend, dass die Redaktion diese Idee aufgriff, wohl wissend, dass es schon vorher einige Hürden zu nehmen galt. Zunächst mussten der Bürgermeister und die Bürgerschaftspräsidentin für die wohl größte privat finanzierte Restaurierungsaktion gewonnen werden, die es je an einem Hamburger Staatsgebäude gegeben hatte. Anschließend ging die Verwaltung alle damit verbundenen Fragen und Probleme durch, bis man schließlich Kunsthistoriker und Restauratoren einschaltete. Der Senat entschied, eine Proberestaurierung vorzunehmen und zu finanzieren. So rückten Experten bald Kaiser Maximilian II. zu Leibe, lösten ihn aus der Verankerung, versahen ihn mit Tragegeschirr und entfernten ihn aus seiner Nische, sodass er in eine Restaurierungswerkstatt transportiert werden konnte. Der fachmännische Kostenvoranschlag versetzte zunächst allen Beteiligten einen Schock: 75.000 D-Mark würde die Restaurierung jedes einzelnen Kaisers kosten. Könnte man tatsächlich zu einer Unterstützungsaktion dieser Größenordnung aufrufen, fragten sich die zuständigen Redakteure, um sich letztendlich gemeinsam mit Chefredakteur Peter Kruse für die Aktion zu entscheiden.

„Sie schmücken unser Rathaus, jetzt brauchen sie unsere Hilfe“, stand über dem Abendblatt-Aufruf, dessen Resonanz sich niemand hätte vorstellen können. Susanne von Bargen, die damals zuständige Lokalredakteurin, schrieb später: „In der Redaktion hieß es nun: ‚Augen zu und durch‘. Die 19 verbliebenen Majestäten wurden auf der Titelseite abgebildet, die Patensuche für die Figuren hatte begonnen – und war schon fünf Tage später abgeschlossen. Unaufhörlich hatten die Telefone in der Redaktion geklingelt, historische Vorlieben oder die Namensgleichheit mit dem eigenen Nachwuchs ließ die Paten Schlange stehen.“

Schon das alte Hamburger Rathaus, das beim Großen Brand 1842 zerstört worden war, hatte man mit den Statuen deutscher Kaiser geschmückt. So griff man auch bei dem historistischen Neubau diese Tradition wieder auf, auch wenn nur die wenigsten der Monarchen in einer besonderen Beziehung zur stolzen Stadtrepublik Hamburg gestanden hatten. Aber ein bisschen kaiserlicher Glanz, befanden die Hanseaten, würde am Ende nicht schaden.

Wie wenig von diesem Glanz geblieben war, stellte die Restauratorin Betina Roß bei ihrer Schadensanalyse fest. Mit kosmetischen Korrekturen war es nicht getan, die Kaiser brauchten eine gründliche Verjüngungskur, die unter der Federführung von Betina Roß in Eidelstedt, in Eisleben sowie im brandenburgischen Lauchhammer vorgenommen wurde. Für die insgesamt vier Kaiser, die mit einem Spezialtransporter nach Lauchhammer gebracht wurden, war es gewissermaßen die Wiederbegegnung mit dem Geburtsort, denn alle Rathausfiguren waren – wie übrigens zahlreiche weitere Denkmäler in allen Teilen Deutschlands – in der dortigen berühmten Kunst- und Glockengießerei hergestellt worden. Drei Jahre lang dauerten die Arbeiten an den Figuren, bis diese im Sommer 1997 nach und nach an ihre angestammten Plätze zurückkehrten. Aus diesem Anlass lud das Abendblatt zu einer „Audienz der 20 Kaiser“, die an einem strahlenden Sommertag im Rathausinnenhof von etwa 400 Gästen feierlich begrüßt wurden. Chefredakteur Peter Kruse dankte den Sponsoren für ihren Einsatz zur Erhaltung eines Teils Hamburger Kulturgeschichte, dankte auch den Experten und Restauratoren und schloss mit den Worten: „Möge Ihre Arbeit weitere 100 Jahre Bestand haben.“

So standen die würdigen Herren mit den Namen Lothar und Heinrich, Otto und Konrad, Ludwig und Karl, Friedrich und Rudolf, Maximilian, Joseph und Franz pünktlich zum 100. Geburtstag des Rathauses im Oktober wieder wie neugeboren an Ort und Stelle.

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