Manchmal hat man nicht nur Glück, es kommt dann auch noch der Zufall dazu. Denn eigentlich lässt sich – nur ganz sanft überbewertet – klar belegen, dass die Salzburger Festspiele und ihr damaliger Intendant Jürgen Flimm an der Rettung des historischen Gängeviertels beteiligt waren. Eine Tatsache, die bislang in den Annalen dieses erstaunlichen Hamburger Phänomens kaum gewürdigt wurde.

Das kam so: Der Ex-Thalia-Intendant Flimm hatte den Hamburger Maler Daniel Richter engagiert, für den Festspielsommer 2008 ein opulentes Bühnenbild zur Bartók-Oper „Herzog Blaubarts Burg“ zu entwerfen. Dadurch kam der Kontakt für ein Richter-Porträt zu diesem Debüt im Abendblatt zustande, und daraus wiederum ergab sich Anfang Oktober 2009 ein Interview-Termin mit Richter. An einem verregneten Sonntagabend in der Jupi-Bar, dem wichtigsten Treffpunkt für alle, die nicht einsahen, dass die morschen Erinnerungen an frühere Kapitel der Stadtgeschichte zwischen Valentinskamp und Caffamacherreihe für Büroklötze und Gewinnmaximierungspläne geopfert werden sollen. Startschuss für diesen Wertewandel war eine sehr interessant organisierte „Besetzung“ des Viertels am 22. August 2009 gewesen. Denn besetzt im klassischen, juristisch eindeutigen Sinne des Wortes wurde damals ja gar nicht. Man ging nur einfach nicht mehr weg. Und überrumpelte so ziemlich jeden mit dieser Taktik.

Es war ungeheizt, feucht und nicht besonders hell bei dem Gespräch mit Richter & Co.; auf dem Foto danach war die Freude über das zugige Wetter Richters Gesicht durchaus anzusehen. Gute Zwecke heiligen Mittel, das wusste Richter, der sich als Schirmherr zur Verfügung gestellt hatte. Das Interview zog weite Kreise, auch überregional wurde sein Anliegen daraufhin ganz anders wahrgenommen und diskutiert als vorher. So kam der Senat – dadurch eher unter unangenehme bundesweite Beobachtung geraten – mehr und mehr in Zugzwang, bis er nicht anders konnte, als seine vielen Gängeviertel-Fehler der vorangegangenen Jahre einzusehen und im Dezember 2009 den Verkauf des Quartiers an einen holländischen Investor wieder rückgängig zu machen. Diese Kurskorrektur war dem Rathaus 2,8 Millionen Euro wert.

Auch hier hatte das Schicksal seine Finger im Spiel. Dass ausgerechnet das Abendblatt, für einige kleinbürgerlich, verbohrt, gestrig und stockkonservativ, sich so hartnäckig für die Argumente der Gängeviertel-Künstler und ihrer Unterstützer einsetzte, das überraschte. „Komm in die Gänge“, der Slogan der aktiv gewordenen Künstler und Lebenskünstler, wurde schnell zu einem geflügelten Wort. Bis tief ins bürgerliche Lager hinein fanden sich mehr und mehr Sympathisanten. Der rote Gängeviertel-Anstecker zierte damals viele Hanseaten, denen man diese Haltung so kaum zugetraut hätte. Ein herzerwärmender Anblick war das.

Ein weiterer Zufall, der zu schön war, um geplant zu sein: die ohnehin aufgeheizte Stimmung in der Stadt über Verfehlungen und Peinlichkeiten der damaligen Kulturpolitik, die den Verhandlungen mit der Stadt weiteren Schwung verlieh. Unvergessen ist ein sehr langer Abend im Thalia Theater im Herbst 2010, als dort gegen Sparpläne des Senats und insbesondere dessen Kultursenator Reinhard Stuth protestiert wurde.

Mit dabei auf der Bühne war natürlich auch eine Gängeviertel-Delegation. Der Haufen Häuschen war in wenigen Monaten zu sehr viel mehr als einem Viertel geworden, es war ein Symbol für eine andere Sicht auf die Stadt und ihre Zukunft. Bei dieser Debatte trafen sich Bürgerwiderstand und kreativ handelnde Künstler. Sie kamen auf einen effektiven gemeinsamen Nenner. So nicht, demonstrierten sie denen da oben. Ihr könnt nicht alles machen, nicht mit uns und erst recht nicht gegen uns.

Für die Berichterstattung hätte es kaum geschmeidiger laufen können. Eine Quartiersbesetzung direkt neben dem Verlagsgebäude, praktischer geht es nicht. Besonderen Charme erhielt diese Adresse auch durch das Polizeirevier auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Aber auch durch die professionelle Cleverness jener Monate, mit der die Viertel-Beleber es schafften, von einem Großteil der Stadt ins Herz geschlossen zu werden. Die Besetzer waren die Guten, der Senat war der sprichwörtlich Dumme.

So idyllisch war das damals, als es losging. Und der öffentliche Druck, den die publizistische Verfolgung aus unterschiedlichen Blickwinkeln – mal kommunalpolitisch orientiert aus der Lokalredaktion, mal kulturell betrachtend aus dem Feuilleton – aufbaute und hielt, war letztlich nicht zu überlesen oder zu übersehen. Ein erstklassiger Anlass, um über die Frage nachzudenken, ob sich Journalismus mit einer guten Sache gemeinmachen dürfe oder nicht. Die Redaktion hatte sich für eine klare Haltung entschieden und war dabei geblieben.

Seit den ersten Einigungsabschnitten haben aber auch, wie in fast jedem politischen Veränderungsprozess, Ermüdungserscheinungen eingesetzt. Es gab Probleme, Debatten, Kräche, Rückschritte und Seitwärtsbewegungen. Detailarbeit macht nun mal weniger Spaß, als das große Ganze ins Rampenlicht zu bringen. Im April 2010 übergaben die Viertel-Gremien der Stadt ein Nutzungs- und Sanierungskonzept. Das Gängeviertel soll in den nächsten Jahren zum Musterquartier für Kultur, Wohnen und Leben werden, national wie international. Etliche Studien sind bereits darüber verfasst worden – und einige der Viertler der ersten Stunden sind inzwischen Eltern geworden. Auch ein schöner Nebeneffekt.

Viele Weichen sind gestellt, viele Stolpersteine liegen noch auf dem Weg dorthin. Eine Genossenschaft will das Wer und Wie regeln, prominente Unterstützer sollen bei der Mobilisierung der Interessenten helfen. Nach wie vor wird eher viel zu viel als etwas zu wenig diskutiert. Wann was vollendet sein wird und wie viel es am Ende gekostet haben wird, ist – kein Wunder bei einem derart einzigartigen Projekt – noch reichlich unklar. Der Weg sei das Ziel, könnte man dazu lakonisch anmerken. Doch viel wichtiger ist: Das Gängeviertel steht noch, und es wird bleiben.