„Wir wollen das Leiden nicht sehen“

Die Theologen Fanny Dethloff und Manuel Beyer im Gespräch über die kirchliche Flüchtlingsarbeit

Seit Mai hält sich eine Gruppe Afrikaner, die über Lampedusa gekommen sind und von italienischen Aufnahmelagern mit Papieren ausgestattet wurden, in der Obhut von Hamburger Gemeinden und Moscheen auf. Etwa 80 von ihnen haben in der Kirche St. Pauli Unterschlupf gefunden. Warum sich sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche in diesem Fall sowie in der Flüchtlingsarbeit engagiert und was sich ändern muss, um einen menschenwürdigen Umgang mit Migranten und Migrantinnen zu erreichen, schildern die Pastorin und Menschenrechts- und Flüchtlingsbeauftragte Fanny Dethloff von der Ev.-Luth. Nordkirche und der katholische Theologe Manuel Beyer. Er lebt in der ökumenischen Basisgemeinschaft Brot und Rosen mit 20 Menschen zusammen, zu der auch einige Flüchtlinge gehören.

Hamburger Abendblatt:

Warum engagiert sich die Kirche im Fall der Lampedusa- Flüchtlinge so intensiv?

Die Gruppe hat sich direkt an uns gewandt und es ist hier in Hamburg das erste Mal, dass eine Gruppe von Flüchtlingen selbst für sich das Wort ergreift, um Menschenwürde einzufordern. Das hat uns veranlasst, sie vorübergehend unterzubringen. Uns geht es nicht darum, etwas Illegales zu tun oder es besser als der Staat zu machen. Sondern dazu zu stehen, dass die Menschenwürde unteilbar ist, dass den Flüchtlingen der Schutz unserer Gesellschaft gebührt.

Manuel Beyer:

Die Flüchtlinge sind auch nicht irregulär hier. Sie besitzen gültige Aufenthaltsgenehmigungen für Europa. Doch diese Papiere geben ihnen keine weiteren Rechte, so erhalten sie bisher keine Arbeitserlaubnis.

Ist ihr Aufenthalt nicht eine zeitliche Verzögerung, müssen sie nicht doch irgendwann gehen?

Einige der Flüchtlinge sind sehr krank und bedürfen der humanitären Hilfe, doch eine Reihe sind gesunde, intelligente und arbeitsame Menschen. Darunter sind Handwerker, Ingenieure, Geschäftsleute, die arbeiten wollen. Bei uns riefen auch schon Personalvermittler an und boten Jobs an. Aber mit den vorhandenen Papieren ist das Arbeiten nicht möglich. Dabei könnte es Lösungen geben, die Stadt könnte sich auf einen Paragrafen zum Aufenthalt in Härtefällen beziehen oder über einen Probeaufenthalt mit Arbeitsgenehmigung nachdenken. Die Menschen nach Italien zurückzuschieben, das an seine Aufnahmegrenzen gekommen ist, ist jedoch keine Lösung.

Was kritisieren Sie an der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik?

Wir haben keine vernünftige Migrationsregulierung, und das ist nicht nur ein hamburgisches, sondern ein europaweites Problem. Dieses europäische Abschottungssystem nach dem Dublin-III-Abkommen (siehe Infokasten), wo alles von der Mitte Europas auf die Grenzländer abgewälzt wird, ist eine Katastrophe. Man darf nicht nur sagen, alle Flüchtlinge sind irreguläre Migranten, die wollen wir loswerden, weil sie uns vielleicht die Arbeitsplätze wegnehmen. In Deutschland brummt das Geschäft, wir brauchen fitte Leute, das ist auch ein wirtschaftlicher Faktor. Die Menschen gehen dahin, wo Arbeit ist.

Wird die Kirche hier zum Gegner des Staates?

Nein, wir respektieren die Gesetze. Aber wir erheben Einspruch, wenn es um die Gewissensfrage geht, wie wir die Menschenrechte schützen. Das ist ein Thema, das viele Politiker mit uns teilen. Wir haben auch nicht für alles Antworten, die müssen wir gemeinsam finden. Für uns Christen entscheidet sich aber unser Glaube an der Frage, wie gehe ich mit Fremden um.

Die ganzen biblischen Gestalten des Glaubens sind ja Flüchtlinge gewesen, das ist eine Urerfahrung, die dem Christentum eingeschrieben ist.

In diesem Zusammenhang ist Papst Franziskus nach Lampedusa gereist ...

Er hat den Ort als erste Reise seines Pontifikats gewählt, um die Menschen, die unsichtbar gemacht werden, sichtbar zu machen. Dabei appelliert er an unser Gewissen, nicht gleichgültig zu sein. Wir genießen das Reisen und die Waren aus der ganzen Welt, aber wir wollen das Leiden nicht sehen. Er bittet darum, sich vom Leid und Tod der Menschen berühren zu lassen.

Kann man von einem Bewusstseinswandel in der Gesellschaft sprechen?

In Bezug auf die Lampedusa-Flüchtlinge und in anderen Fällen habe ich verstärkt eine Solidarität mit den Betroffenen wahrgenommen. Und sie wird durch Vorbilder wie den Papst weiter in die Gesellschaft getragen.

Das Thema war noch nie so präsent wie zurzeit, und wir sehen auf St. Pauli, wie breit die Unterstützung ist. Natürlich polarisiert es auch, und wir müssen die Menschen ernst nehmen, die Angst vor Überfremdung haben, und damit seelsorgerlich umgehen. Aber alle Wohlfahrtsverbände, selbst Politiker sagen, dass es eine Reform der Asylgesetze geben muss. Viele sehen, dass es in einer globalen Wirklichkeit nicht mehr geht, dass wir die Fischgründe in Afrika aufbrauchen, aber ablehnen, dass die Fischer zu uns kommen. Diese Blindheit gilt es zu heilen. Es ist ein heilsamer Prozess, der sich in der Gesellschaft in Gang gesetzt hat.

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