Porträt

Isigami - oder die Eintrittskarte zur Kunst

Gezeichnet hat er schon, als er vor Jahrzehnten in Ankara Architektur studierte. Schwere Zeiten waren das, Nationalisten und Islamisten lieferten sich in der Türkei Straßenschlachten. Aus politischen Gründen verließ Ismet Apaydin seine Heimat und ging nach Deutschland. Hier war es ihm nicht möglich, sein Studium fortzusetzen. Nach allerlei Gelegenheitsjobs kam er vor etwa zehn Jahren als Aufsicht in die Hamburger Kunsthalle. Für Apaydin, der in Ankara oft Museen besucht hatte, war das die Rückkehr zur Kunst. Während der Pausen, wenn er sich mit seinen Kollegen unterhielt, zog der ehemalige Architekturstudent einen kleinen Skizzenblock aus der Tasche und zeichnete jene Motive, die ihm auf den Bildern in den Ausstellungssälen besonders gefielen. Beim Zeichen allein sollte es nicht bleiben. "Als Aufsicht muss ich mit den Augen arbeiten, die Hände haben nichts zu tun. Als Ausgleich habe dann zu Hause angefangen, Isigami zu falten", sagt Apaydin und zeigt eines jener kleinen Kunstwerke, die er inzwischen schon seit Jahren kreiert. Es ist eine Katze mit einer Ziehharmonika als Rumpf und dreieckigen Ohren - ein ausdrucksstarkes Wesen. Isigami ist Origami unter verschärften Bedingungen. "Nichts schneiden, nichts abreißen, nichts kleben, sonder nur falten, knicken und einstecken", so beschreibt der schnauzbärtige Mittfünfziger die Regeln seiner Kunst, die sich vom Origami auch durch die strikte Beschränkung des Rohmaterials unterscheidet.

Er verwendet ausschließlich die 25 mal 64 Millimeter großen Papierstreifen, die als Abschnitte von den Eintrittskarten abgerissen werden. Aus manchmal nur zehn, oft aber 50 oder gar mehr als 100 dieser farbigen Abschnitte faltet der Kunsthallenmitarbeiter erstaunliche Gebilde: Menschen und Tiere, Fahrzeuge und Schiffe, Häuser und Türme. Es sind filigrane Konstruktionen, bei denen die Schwerkraft manchmal ausgeschaltet zu sein scheint. Längst ist der Aufsichtsführende selbst zum Künstler geworden, der Kurse und Workshops gibt, einen eigenen Blog hat und dessen Werke begehrt sind. Vor zwei Jahren hat ihm die Kunsthalle sogar eine eigene Ausstellung gewidmet.

Manchmal verschenkt Ismet Apaydin seine Kunstwerke auch an Besucher. Mit den Abrissen ihrer Eintrittskarten liefern sie ihm das Material. Mehr über Ismet Apaydin und seine Kunst unter isigami.blogspot.com