Quergedacht

mit Propst Johann Hinrich Claussen über das Siezen oder Duzen und eine Zwischenlösung

Zu den unergründlichen Geheimnissen der deutschen Sprache gehört die Frage "Sie oder Du?". Seit einiger Zeit wird das "Sie" vom "Du" verdrängt. Ob dies ein Zeichen dafür ist, dass die Menschen freundlicher miteinander umgehen? Als beweissicheres Indiz eines sozialen Klimawandels, einer allgemeinen Menschenerwärmung möchte ich den Vormarsch des "Du" jedoch nicht werten. Es ist eher ein Signal dafür, dass die Amerikanisierung fortschreitet. So ist selbst aus Vorstandsetagen und Anwaltskanzleien zu hören, dass das "Du" diese ehemals festen Bastionen vornehmen Siezens eingenommen hat. Das habe damit zu tun, wurde mir gesagt, dass man so große Räder in den USA drehe und ständig Telefonkonferenzen mit Marc, Jeff und Marissa abhalte, bei denen man die deutschen Kollegen nicht "Herr Schmidt" oder "Frau Müller" nennen könne. Angesichts der allgemeinen Duzerei wird mir das angestaubte "Sie" wieder lieb, signali-siert es doch Höflichkeit und Respekt, und eröffnet die Freiheit, kleine Abstände zu wahren. Manchmal jedoch fühlt es sich peinlich an. Es gibt Situationen, da müsste man zum "Du" übergehen, weiß aber nicht, wie man es machen soll. Hier nun hilft eine neue Spracherfindung: das "Tagesdu". Entwickelt wurde es auf Golfplätzen. So wurde mir, der ich noch nie auf einem Golfplatz gewesen bin, erzählt. Das Tagesdu geht so: Wenn Führungsmenschen zum Zweck wechselseitiger Vernetzung miteinander Golf spielen, können sie sich schlecht siezen. Golf soll ja so eine Art Sport sein. Also sagen sie "Du", aber nur für diesen Tag. Beim nächsten Mal am Konferenztisch heißt es wieder "Sie". Das leuchtete mir zunächst ein, aber ich fragte mich, ob man da nicht durcheinanderkommt. Vom "Sie" geht es schnell zum "Du". Aber zurück? Übrigens kann man diese Frage auch metaphysisch tieferlegen: Soll der Mensch Gott duzen oder siezen? Aus Gewohnheit reden wir Deutsche ihn stets mit "Du" an. Aber so selbstverständlich ist das nicht. In Frankreich benutzte man im Gebet früher das "Vous". Darin äußert sich ein Gespür dafür, dass Gott nicht einer von uns ist. Aber auch bei Gott soll man es mit der Höflichkeit nicht übertreiben, weshalb Jesus von Nazareth empfahl, ihn "Abba/Vater" zu nennen und zu duzen - an allen Tagen und auch bei Nacht.