Blue notes in Hamburgs Lebensader

| Lesedauer: 4 Minuten
Tom R. Schulz

Das vierte Elbjazz-Festival lockt am 24./25. Mai zum Hören in den Hamburger Hafen

Zeit seines Bestehens pflegt das Elbjazz-Festival in Sachen Öffentlichkeitsarbeit eine Art Salamitaktik. Scheibchenweise lassen die Verantwortlichen über Wochen Namen abtropfen, die das Interesse der Medien und natürlich das der potenziellen Besucher wachhalten beziehungsweise erst erwecken sollen. Kurz vor Ostern standen fast alle Künstler fest, die in diesem Jahr auftreten werden.

Und die können sich selbstredend hören lassen - vom Tenorsaxofonisten Joshua Redman bis zu Hamburgs Soul-Crooner Stefan Gwildis mit der NDR Bigband, vom norwegischen Trompeten-Magier Nils Petter Molvaer über Jamie Cullum bis zu The Notwist, Nils Wülker und The Bad Plus. Auch das neue amerikanische Quartett des legendären polnischen Trompeters Tomasz Stanko spielt hier eines seiner ersten Konzerte in Deutschland.

Aber so verheißungsvoll die Namen klingen: Elbjazz hat sich in der Rekordzeit von drei Jahren im Bewusstsein der Stadt schon derart als Marke etabliert, dass das Wer fast weniger wichtig zu sein scheint als das Wo und Wie. Und bei der Bekanntgabe der Spielorte halten sich die Elbjazz-Sprecher noch auffällig bedeckt. "Blohm + Voss ist gesetzt", sagt Elbjazz-Sprecher Bernd Zerbin und benennt damit die stimmungsvollste unter all den stimmungsvollen Kulissen, in denen seit 2010 an zwei Tagen Ende Mai in Hamburg der Live-Jazz inszeniert wird.

Wo in Hamburg kann man, Sonnenschein oder wenigstens milde Temperaturen vorausgesetzt, denn auch schöner Musik hören als auf dem gewaltigen Gelände von Blohm + Voss, dieser eminent traditionsreichen Hamburger Firma, die das Bild des Hafens prägt wie keine andere? Unter Kränen, die schon seit Jahrzehnten ihren Dienst versehen und von denen manche noch in der DDR gebaut wurden, andere vom längst seinerseits zur Kulturfabrik gewandelten Kranbauer Kampnagel? Je nach Wind und Wetterlage riecht es hier brackig oder frisch, ölig allemal, und manchmal sogar ein kleines bisschen fischig. Und in den spezifischen Hafenduft mischen sich die Aromen von selbst gebackenen Broten eines extra aus Dresden anreisenden Caterers, von Würsten, Kuchen, Bier und Wein. Elbjazz, das ist wie Hafengeburtstag und Alstervergnügen auf einmal, nur dass es wirklich Spaß macht.

Manche andere lieb gewonnene Spielstätte fällt in diesem Jahr weg, etwa das Stage Theater Kehrwieder, in dem die intimsten, kammermusikalischsten Konzerte stattfanden, und auch die Schiffe MS "Bleichen" und die "Stubnitz", die für ihre urige Atmosphäre, den wunderbar holzigen Sound und Feiern bis zur Morgenfrühe bei Elbjazz-Besuchern hoch im Kurs standen. Was wohl an ihre Stelle tritt? Alles noch geheime Geheimsache.

Wer in den Vorjahren über das Festivalgelände schlenderte - was man auch in diesem Jahr vorzugsweise wieder mit festem Schuhwerk tun sollte, weil nicht nur die Witterungsverhältnisse begrenzt berechenbar sind, sondern aller Voraussicht nach auch die Wege wieder weit -, kam aus dem Staunen nicht heraus, wie viele Menschen dieses Event anzieht. Wenn nur die Hälfte all dieser Festivalbesucher ein reguläres Jazzkonzert im Jahr besuchen würde, wäre für die Hamburger Jazzszene schon viel gewonnen.

"Elbjazz ist Bewegung, Veränderung, eine Entdeckungsreise", schreiben die Veranstalter auf der neu gestalteten Homepage des Festivals. Damit meinen sie nicht nur die Fahrten auf den Barkassen von Konzert zu Konzert. Nichts bleibt, wie es ist, nur das tatkräftige Bemühen, lokales Jazzgeschehen in die Reihe der Big names zu integrieren. So gibt es weiterhin eine Zusammenarbeit mit der Musikhochschule und ihrem Jazzstudiengang, auch der alle zwei Jahre verliehene Hamburger Jazzpreis wird erstmals im Rahmen von Elbjazz verliehen. Nicht zuletzt stellen auch die beiden Hamburger Konzertagenturen FKP Scorpio und Karsten Jahnke ihren Sachverstand und ihre Energie in den Dienst des großen jazzmusikalischen Hafenabenteuers, das die Gastronomin Tina Heine mit ihrer Freundin Nina Sauer so nachhaltig ins Leben träumte.

Elbjazz, 24./25.5., Spielstätten standen bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Kombiticket 75,- (erm. 69,-), Tagestickets 49,- (erm. 45,-) unter T. 01805-85 38 52 und 01805-62 62 80*, www.elbjazz.de