Bach sehen und besser hören

Gastspiel mit Jerome Robbins' "Goldberg-Variationen"

Die choreografische Interpretation der "Goldberg-Variationen" von Johann Sebastian Bach nimmt in Jerome Robbins' Schaffen eine Sonderstellung ein. Der amerikanische Tanzmeister (1918- 1998) - hierzulande besser bekannt durch Musicals ("On the Town", "Anatevka" "West Side Story") als durch seine Ballette - schöpft für Bachs Klavierwerk, einen Höhepunkt der barocken Variationskunst, aus der Fülle der stilistischen Tanzpalette. Ihr Spektrum reicht vom Menuett bis zu moderner Bewegungssprache, vom Volkstanz bis zum klassischen Ballett. Zeitlebens überließ Robbins die "Goldberg-Variationen" keiner anderen Compagnie.

Ivan Liska, der Direktor des Bayerischen Staatsballetts, musste einige Mühe aufwenden, dem Robbins-Trust die Erlaubnis abzuringen, das 1971 vom New York City Ballet uraufgeführte elegante Paradestück mit seinem Ensemble herausbringen zu dürfen. Die Balanchine-Ballerina Elyse Borne hat es mit ihm einstudiert. Paare und Gruppen erkunden leichtfüßig den mathematisch strengen Aufbau der live gespielten 32 Sätze. Der erste Teil des 90-minütigen Balletts sei in barockem Schwung choreografiert, sagt Borne, und auch ein toller Showcase für die drehenden und springenden Männer. "Aber es ist wirklich vielfältig genug, um jedem Zuschauer etwas zu bieten." Und außerdem: Er könne beim Sehen des Balletts Bach besser hören.

In die Abgründe des menschlichen Unterbewusstseins taucht Jiøí Kylián in "Gods and Dogs", dem zweiten Ballett des Gastspielabends aus München. In der dunkel rätselhaften Psychostudie für vier Paare lotet er die Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit, zwischen Normalität und Wahnsinn aus. Auf dem bühnenhohen Fransenvorhang droht immer wieder ein zähnefletschender Wolfskopf: das Tier im verrückten Menschen.

Wie Liska, der 20 Jahre lang als Solist das Hamburg Ballett mitprägte, gehörte auch Jean-Christophe Maillot von 1978 bis 1983 zu Neumeiers Compagnie und tanzte mit Chantal Léfèvre dessen "Romeo und Julia". Als Direktor des Balletts von Monte-Carlo kehrt er zurück und präsentiert nun seine 1996 uraufgeführte, ästhetisch klare und doch komplexe Inszenierung. Er konzentriert das Drama der verbotenen Liebe auf die Konflikte Jugendlicher, ihre Gefühle zwischen Gewalt und Liebessehnsucht, Angeberei und verletztem Stolz. Impulsiv lassen sie sich zu unüberlegten Taten mit oft fatalen Folgen hinreißen. Bühnenbildner Ernest Pignon-Ernest erzielt im hellen Raum mit mobilen Stellwänden Stimmungswechsel durch weiße, blaue oder rotgoldene Lichtwogen, bietet einen neutralen, doch atmosphärischen Hintergrund für die leidenschaftlichen Tanz- und Raufszenen, in denen Maillot einfallsreich und modern, den jeweiligen Situationen dramaturgisch gerecht, klassisches Ballettvokabular mit expressiv natürlicher Bewegungssprache verwebt. Der Vergleich mit John Neumeiers Ballett reizt.

Bayerisches Staatsballett: "Goldberg-Variationen"/"Gods and Dogs" 11./12. 6.; Les Baletts de Monte-Carlo: "Romeo und Julia" 18./19.6., jeweils 19.30, Staatsoper, Karten zu 4,- bis 89,- unter T. 35 68 68