So ergreifend konnte nur einer abschreiben

Raphaël Pichon hat die Köthener Trauermusik von Bach rekonstruiert

Johann Sebastian Bachs Passionswerke haben einen singulären Status im Repertoire. Die dramatisch-kompakte "Johannes-Passion" und die doppelchörige "Matthäus-Passion" gelten vielen als Inbegriff der Verkündigung.

So unwahrscheinlich es klingen mag - es gibt noch weitere Werke dieses Gewichts von Bach. Genauer: Es gab. Von Bachs "Markus-Passion" etwa ist nur das Textbuch überliefert. Glücklicherweise pflegte er sich aber, wie es damals üblich war, freihändig bei sich und anderen zu bedienen. Tragende Nummern der "Markus-Passion" stammen aus der sogenannten Trauerode, die Bach 1727 auf die Frau Augusts des Starken schrieb. Und damit nicht genug des Recyclings - auch für seine Trauerkantate "Klagt, Kinder, klagt es aller Welt" hat er sich bei der Ode bedient.

Die Trauerkantate, auch bekannt als "Köthener Trauermusik", ist allerdings ebenso verschollen wie die "Markus-Passion". Deshalb hat der junge Franzose Raphaël Pichon mit dem Chorleiter Morgan Jourdain eine Rekonstruktion des Werks unternommen und führt sie Ende April in der Reihe "NDR Das Alte Werk" mit dem Chor und Instrumental-Ensemble Pygmalion auf. Wer das in vier Abteilungen groß angelegte Werk hört, erlebt in der Wirkung wie in der schieren zeitlichen Ausdehnung gleichsam eine weitere bachsche Passion: so wuchtig und prachtvoll die Chöre, so fein ziseliert und farbig die Arien. Und Wohlbekanntes gibt es auch zu hören: Nicht wenige Nummern kommen, mit anderem Text, auch in der "Matthäus-Passion" vor.

"Pygmalion" 23.4., 20.00, Laeiszhalle. Karten zu 9,- bis 35,- unter T. 0180/178 79 80* oder www.ndrticketshop.de

Das nächste Konzert in der Reihe "NDR Das Alte Werk": "Baroque meets Jazz" 26. und 27.4.