Störenfriede sind kein Unglück

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Ann-Britt Petersen

Wenn ein Kind sich auffällig verhält, können Ängste oder ein Hilferuf dahinterstecken. Was Eltern tun können

Wenn Kinder ständig stören, herumzappeln, unruhig sind, kann das für Eltern, Lehrer oder Erzieher anstrengend sein. Doch ab wann kann man von einer Verhaltensauffälligkeit sprechen und was können Eltern tun? Antworten dazu gibt Brigitte Spöhring-Hochreiter, Diplom-Psychologin von der ev. Beratungsstelle Süderelbe.

1. Ab wann fängt eine Verhaltensauffälligkeit an?

Brigitte Spöhring-Hochreiter:

Verhaltensauffälligkeit ist ein diffuser Begriff. Was in einem sozialen System als abweichendes Verhalten angesehen wird, etwa lautes Sprechen, muss in einem anderen nicht als Störung empfunden werden. Auffälliges Verhalten lässt sich eher daran festmachen, wenn ich diesem als Elternteil dauerhaft hilflos gegenüberstehe, wenn meine Fähigkeiten, es zu verstehen und damit umzugehen, erschöpft sind.

2. Was kann die Ursache für so ein auffallendes Verhalten sein?

Spöhring-Hochreiter:

Vorweg muss gesagt werden, eine Verhaltensauffälligkeit ist kein Unglück. Es ist eine Störung, die eine Chance nach neuen Wegen enthält. Hinter dem Verhalten kann die Sorge des Kindes stehen, nicht wahrgenommen zu werden. Oder die Angst, Misserfolg in der Schule zu haben oder den Erwartungen der Eltern nicht gerecht zu werden. Es kann ein Hilferuf sein an die Eltern, "sei da" oder "verhalte dich klar zu mir", "akzeptiere mich".

3. Wie sollten die Eltern auf störende Kinder reagieren?

Spöhring-Hochreiter:

Die Eltern sollten ihrem Kind in die Augen schauen, ihm freundlich, aber bestimmt sagen, was sie möchten, sich dabei kurz und klar fassen und auf lange Erklärungsversuche verzichten. Sollte eine Situation eskalieren, ist es auch ratsam, räumliche Distanz zu schaffen. Wenn der Konflikt öfter vorkommt oder sich die Eltern zunächst hilflos fühlen, können sie offen die Lösung "auf morgen" verschieben. Dann aber nicht auf sich beruhen lassen, in einer ruhigen Situation darauf zurückkommen. Und am Ball bleiben.

4. Wie kann man dem Kind helfen, seine Gefühle wahrzunehmen und zu benennen?

Spöhring-Hochreiter:

Indem man zwischen Verhalten und Gefühlen unterscheidet und die Gefühle des Kindes ernst nimmt. Wenn es etwa keine Lust hat, sein Zimmer aufzuräumen, sollte man sagen, dass man das verstehen könne, dass es aber notwendig sei. Ebenso wichtig ist es, selber Gefühle zu zeigen, etwa die Freude darüber, dass das Kind da ist. Und das Kind für den Teil zu loben, der sich Mühe gibt. Eltern haben auch eine Vorbildfunktion.

5. Was raten Sie einer alleinerziehenden Mutter mit einem renitenten Kind, die kaum noch Kraft hat?

Spöhring-Hochreiter:

Meine Empfehlung: Raus aus der Isolation, nicht alles allein machen, sich mit anderen Menschen austauschen. Als Mutter eines Sohnes sollte sie auch mit männlichen Bezugspersonen sprechen, etwa mit den Eltern der Freunde des Sohnes. Wenn es einen Konflikt mit Jugendlichen gibt, sollte man klar äußern, dass man sich Sorgen macht. In einer konfliktgeladenen Zeit wie der Pubertät, müssen die Eltern das auch ein Stück weit aushalten. Denn durchstandene Konflikte machen Jugendliche stark

6. Welchen Unterschied macht es, ob ein Kind in der Schule oder zu Hause schwierig ist?

Spöhring-Hochreiter:

Kinder zeigen ihre Schattenseiten eher zu Hause als außerhalb der Familie. Fallen die Kinder in der Schule auf, weil sie aggressiv sind oder den Unterricht stören, könnte eine Überforderung dahinterstecken, in Einzelfällen auch eine Unterforderung des Kindes. Oder es gibt Probleme im Elternhaus. Um seine Eltern zu schonen, lebt das Kind seine Sorgen dann woanders aus.

7. Was können Eltern tun, wenn das Kind in der Schule auffällig ist?

Spöhring-Hochreiter:

Erst einmal die Mitteilung von Lehrern über das Verhalten ihres Kindes nicht als Schuldzuweisung, als Versagen der eigenen Erziehung ansehen. Erziehung kann nie perfekt sein. Wir haben alle Grenzen, und zu denen sollten wir stehen, dann ist der Blick frei für neue Wege. Gemeinsam mit dem Lehrer kann man überlegen, wie das Kind positiv gefördert werden kann.

8. Ab wann ist professionelle Hilfe ratsam?

Spöhring-Hochreiter:

Eltern haben ein Anrecht auf kostenlose Erziehungsberatung. Diese in Anspruch zu nehmen ist kein Makel, sondern eine Chance. Im Gespräch können sich neue Perspektiven aufzeigen. Und die Eltern können sich damit auch etwas Gutes tun, denn Erziehung ist anstrengend, und hier finden sie Anerkennung für ihre Erziehungsarbeit.