Serie: Die Zehn Gebote, Teil 2

"Du sollst Dir kein Gottesbild machen"

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"Du sollst nicht töten", das leuchtet noch ein. Aber was heißt, "nicht falsch Zeugnis reden" in Zeiten von Facebook? Was sagen uns die Zehn Gebote heute? Sie gelten seit Jahrtausenden in Europa als Grundlage der Moral im Zusammenleben. Auf ihnen fußen Gesetzgebung und ethisches Empfinden. Wer die Zehn Gebote heute interpretiert, muss versuchen, sie in die Gegenwart und das eigene Leben zu übersetzen. Eine Auswahl von Fotografien unterstreicht - manchmal sehr konkret, manchmal abstrakt und eher assoziativ - die Aussage des jeweiligen Gebotes. Das zweite Gebot, hier nach reformierter Zählung, interpretiert Jörg Herrmann, Leiter der Evangelischen Akademie der Nordelbischen Kirche

Noch nie gab es so viele Bilder wie heute. Dank digitaler Technik sind sie schnell gemacht und via Internet ebenso schnell weltweit verbreitet. Das hat Vorteile, birgt aber auch Gefahren. Letztere wurden uns gerade wieder vor Augen geführt: Ein im Internet veröffentlichtes islamfeindliches Video führte in zahlreichen muslimischen Ländern zu gewaltsamen Ausschreitungen mit Todesopfern. Weniger dramatisch, aber für manche Schülerin und manchen Schüler gleichwohl ein Albtraum ist das neue Phänomen des Cyber- oder Internet-Mobbings. Dabei werden beleidigende Bilder und Texte über Mitschüler ins Internet gestellt. Dem ist schwer beizukommen, weil die Täter in der Regel anonym bleiben und einmal im Netz veröffentlichte Bilder kaum kontrolliert werden können. Auf der anderen Seite können Medientechnologien aber auch helfen, Unrecht aufzudecken und weiteres Unrecht zu verhindern.

Das Internet verstärkt die Macht der Bilder - im Guten wie im Schlechten. Darum ist ein kritischer Umgang mit Bildern heute wichtiger denn je. Das Bilderverbot kann dabei helfen. Es richtet sich nicht generell gegen Bilder. Und ist schon gar kein Plädoyer gegen Sinnlichkeit und Anschauung. Aber es macht darauf aufmerksam, dass Bilder eben nur Bilder sind. Dabei ging es zunächst um das Kultbild.

Das Bilderverbot war ursprünglich ein Verbot, sich eine Götter- und Götzenstatue vom Gott Israels anzufertigen, dieses Bild anzubeten und ihm göttliche Kräfte zuzuschreiben. Solche Bilder und Skulpturen von Gottheiten waren in der religiösen Welt der Antike verbreitet. Dagegen betont das Bilderverbot: Keine Skulptur und kein Bild kann Gott angemessen darstellen. Gott ist größer als unser Herz und unsere Vernunft und erst recht größer und anders als alle Bilder, die wir uns von ihm machen können. Gott, das Geheimnis der Welt, lässt sich nicht abbilden und schon gar nicht von einer lächerlichen Figur verkörpern. Machen wir nicht zu Gott, was weniger ist als Gott!

Und doch brauchen wir Gottesbilder. Gerade die Bibel, die das Bilderverbot so einschärft, redet wie kein anderes Buch in Bildern von Gott: als Vater, als Fels, als Hirte, aber auch als Mutter, als Quelle oder als Licht.

Wir brauchen Bilder. Aber wir sollen keine Götzen daraus machen, sondern müssen wissen: Bilder sind nur Bilder, Darstellungen von etwas, nie die ganze Wahrheit. Eigentlich versteht sich das ja von selbst. Aber Menschen neigen wohl dazu, sich die Welt handhabbar und überschaubar zu gestalten. Doch über Gott können wir nicht verfügen. Daran erinnert das Bilderverbot. Damit wir für neue religiöse Erfahrungen offen bleiben. Und Gott und uns selbst nicht in eine zu kleine Bilderwelt einsperren. Das gilt übrigens auch für die Bilder, die wir uns von unseren Mitmenschen machen. Festgefügte Bilder können zu Gefängnissen werden. Dann folgen wir unseren Bildern, die sagen: So ist er eben, so ist sie eben. Wir erwarten dann nichts mehr vom anderen und trauen ihm keine Entwicklung zu. Das Bilderverbot im Zwischenmenschlichen beachten heißt aber, einander Veränderungen zutrauen. Das Bilderverbot fördert die Freiheit. Festgefügte Bilder verraten sie.

Der Schriftsteller Max Frisch hat dazu in seinem Tagebuch vermerkt: "Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat." Darum: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!"