Quergedacht

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mit Propst Johann Hinrich Claussen über Bestattungskultur und eine neue Sicht aufs Leben

Es ist auch mal ganz schön, ein Museum zu besuchen, in dem es keinen modernen Klimbim gibt. Wo man sich keine Audio-Guides aufsetzen muss, wo man nicht auf Touchscreens herumdrücken und anschließend in ausladenden Shops Erinnerungsgimmicks kaufen kann. Wo es nicht überall nach Latte macchiato riecht. Wo einfach nur alte Dinge stehen, die man sich in Ruhe betrachten kann. Heutzutage muss man dafür allerdings weit reisen, zum Beispiel bis nach Istanbul. Dort gibt es ein riesiges, verwunschen-verstaubtes archäologisches Museum. Wen es dorthin verschlägt, der sollte sich die antiken Grabsteine nicht entgehen lassen. Man sollte ja nie an Grabsteinen achtlos vorübergehen. Sie können einen manches über das Leben lehren.

Nah beim Eingang findet man den weltberühmten Alexander-Sarkophag. Allerdings hat der früh verstorbene Welteroberungsheld darin nie gelegen. Es ist auch fraglich, ob die Schönheit dieser Bestattungsskulptur ihn über sein vorzeitiges Ende hinweggetröstet hätte. Viel anrührender sind auch die kleineren Grabsteine, die sich weiter hinten befinden. Schlichte Steinstelen mit verwaschenen, zerbröselten Inschriften, die Zeugnis geben von einer Julia hier, einem Cornelius dort. Lauter kleine, unbedeutende Leute, die von ihren Familien dennoch beweint wurden. Wenn man diese armen, versehrten Steine betrachtet, wird einem klar: Die Menschheit ist dann am größten, wenn sie um ihre Toten trauert. Wenn man dann die Inschriften liest, geht einem noch ein anderes Licht auf. Dort wird bei den verstorbenen Frauen immer wieder lobend hervorgehoben, dass sie in ihrem Leben "keinen Anstoß" erregt hätten. Und bei den toten Männern wird anerkennend betont, dass sie niemandem "unnötigen Schmerz" zugefügt hätten. Ist es das, was über die Lebensbilanz entscheidet?

Da hätten wir wohl andere Ansprüche. Wir möchten uns entfalten, Erfolge erzielen, sehr vieles erleben und genießen. Nicht selten machen wir uns dabei selbst verrückt und lassen es an der gebotenen Rücksicht unseren Mitmenschen gegenüber mangeln. Dabei müssten wir doch schon ziemlich zufrieden sein, wenn unsere Nachkommen von uns sagen könnten, dass wir in unserem Leben keine Unordnung gestiftet und niemanden wehgetan haben.