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Inklusion kann man nicht verordnen

Eine Schule für alle funktioniert nur, wenn es genügend Fachkräfte gibt und alle offen dafür sind

Daniel Röhe ist Schulleiter und bei den evangelischen Bugenhagen-Schulen der Experte für Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten. Wolfgang Schmitz ist Schuldezernent des Katholischen Schulverbandes und Leiter des Katholischen Schulamtes.

Hamburger Abendblatt:

Inklusion ist derzeit ein Reizwort an vielen Hamburger Schulen. Welche Probleme gibt es bei der Umsetzung des Senatskonzepts, das vorsieht, alle Kinder gemeinsam zu unterrichten?

Daniel Röhe:

Mit der schulischen Inklusion soll eine weitreichende Herausforderung in kurzer Zeit realisiert werden. Das führt zu vielen Unklarheiten in den Schulen. Das Problem ist zum Beispiel die unklare Ressourcenfrage. Dies ist sicher auch Folge des Fachkräftemangels.

Inwieweit sind die kirchlichen Schulen von der Regel betroffen?

Wolfgang Schmitz:

Wir haben 2011 an zwei Schulen mit der Umsetzung der Inklusion begonnen, weil dort bereits Fachkräfte vorhanden waren. Trotz der zusätzlichen Ressourcen haben wir nicht immer Doppelbesetzungen in den Klassen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir den Förderkindern so wirklich gerecht werden können.

Haben Sie einen größeren Ansturm von Förderschülern an Ihren Schulen?

Röhe:

Bei uns sind die Anmeldezahlen merklich gestiegen, vor allem in den höheren Jahrgängen, weil Eltern Wert darauf legen, dass ihr Kind an eine Schule kommt, die Erfahrungen mit der Inklusion hat. Viele sind verzweifelt, weil ihre Kinder in unerfahrenen Schulen nicht klarkommen.

Kann eine Schule ohne Erfahrung mit der Inklusion überhaupt von null auf 100 umschwenken?

Röhe:

Das geht auf keinen Fall, denn es ist ja nicht nur eine Frage, ob man eine Fachkraft oder ein paar Stunden Förderung dazu bekommt. Inklusion heißt für mich, dass eine Schule alle Menschen willkommen heißt, auch wenn sie sehr unterschiedlich sind. Dass ist eine Verhaltensänderung, die sich nicht sofort verordnen lässt. Und Lehrer, die zuvor immer eine recht homogene Schülerschaft hatten, müssen nun mit einer heterogenen umgehen.

Schmitz:

Verantwortungsvolle inklusive Beschulung kann nur dort erfolgen, wo wir personell, fachlich und auch räumlich optimal aufgestellt sind.

Welche Voraussetzungen braucht eine Klasse, um Kinder zu inkludieren?

Röhe:

Dafür braucht man eine sehr anspruchsvolle Pädagogik. Lehrer müssen für ihren Unterricht komplett umdenken - das kann auch nicht jeder sofort. Ein Schulbuch für alle gibt es dann nicht mehr. Lehrer müssen ihren Stoff jetzt mit ganz unterschiedlichen Methoden vermitteln. Bei uns ist die Förderung differenziert für alle Kinder, alle bleiben im Raum und bekommen die Aufgaben, die ihrem Leistungsniveau entsprechen. Überwiegend gibt es ein Team in der Klasse..

Was bringt es behinderten und nicht behinderten Kindern, wenn sie zusammen unterrichtet werden?

Schmitz:

Jedes Kind ist ein Geschöpf Gottes und hat seine ganz eigenen Begabungen. Dies zu erkennen und zu respektieren - darin liegt sicherlich die große Chance der Inklusion. Förderkinder haben Stärken, oft emotionale, die andere Kinder nicht haben.

Röhe:

Schule ist mehr als Lesen und Rechnen, es ist gemeinsames Leben, und dazu gehört, dass man in der Gesellschaft mit Andersartigkeit umgehen lernt. Und Studien beweisen, dass Förderschüler an integrativen Schulen bessere Leistungen und Abschlüsse erbringen als solche in einem separierten System. Gerade bin ich über den Schulhof gegangen, da saß ein Rollstuhlkind mitten unter Schülern, die es aus dem Rollstuhl auf den Tisch gesetzt hatten. Diese Gemeinschaft kann eine Sonderschule nicht vermitteln.

Ist es für Förderkinder nicht auch frustrierend, dass sie immer sehr viel bessere Schüler vor sich haben?

Schmitz:

Sicher, aber dieses breite Begabungsspektrum haben wir bereits in der Grundschule. Die Frage ist, aus welchem Blickwinkel wir diese Unterschiede betrachten. Und da können wir eine Menge ändern.

Röhe:

Gerade in höheren Klassen gibt es diese Konflikte. Wir haben deswegen in jeder Lerngruppe einen Sozialpädagogen, der Schüler begleitet.

Ist denn Inklusion für alle wirklich immer die beste Lösung oder gibt es da Grenzen, also Kinder, die besser an Sonderschulen bleiben sollten?

Schmitz:

Ich denke nicht, dass man alles inklusiv gestalten muss. Die Vielfalt im System gibt Eltern die Möglichkeit, für ihr Kind das Beste zu wählen.

Röhe:

Für manche geistig beeinträchtigte Kinder ist eine große Lerngruppe nicht das Richtige, die haben auch bei uns Schwierigkeiten, sich zu orientieren. Für die ist es sinnvoller, in einer kleinen Bezugsgruppe mit übersichtlichen Räumen zu lernen.