Aufbruch in die Freiheitsmalerei

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Annette Stiekele

Das Ernst Barlach Haus gratuliert Emil Schumacher im Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag

"Farben sind Feste für die Augen. Was ist schon Rot oder ein Blau in einem Bild, wenn es nicht über die ganze Qualität dieser Erscheinung Rot und Blau etwas aussagt. (...) Halten wir uns nicht damit auf, über die Prozedur des Malens etwas erfahren zu wollen, damit wäre nichts erklärt, es weckt das Interesse nur an falscher Stelle." So äußerte sich der Maler Emil Schumacher 1958.

In der Schau "Farben sind Feste für die Augen - Emil Schumacher zum 100." würdigt das Ernst Barlach Haus im 50. Jahr seines Bestehens einen Klassiker der Moderne, der sich perfekt ins Programm fügt. "Es ist der Wunsch, sich einmal auf die Gründungsphase unseres Museums zu konzentrieren, die Zeit der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre", so Museumsleiter Dr. Karsten Müller. "Außerdem hat Schumacher eine existenzielle Dimension, die sich mit Barlach ergänzt."

Emil Schumacher (1912-1999) gilt als Maler, dem das sinnliche Erlebnis der Malerei alles war. Er wollte kein Programm umsetzen, kein Konzept verwirklichen. Gleichzeitig weckt seine abstrakte Malerei häufig Assoziationen an Landschaften, gibt Signale, die die Fantasie in Beschlag nehmen. Er zählt zur Strömung der "informellen" Kunst und des "abstrakten Expressionismus", gleichzeitig greifen diese Kategorien zu kurz. Schumacher suchte nach dem objektiven Bild. In seinem Verständnis ist der Künstler ein Finder. Der Bildkörper besaß für ihn eine eigene Wirklichkeit.

Zu sehen sind 30 teilweise lange nicht ausgestellte Werke des Künstlers. Darunter türblattgroße, wuchtige Breitformate. In Arbeiten wie "Grüner Akzent" (1956) und "Candido" (1969) ist Schumachers Entwicklung vom Skriptoralen bis zu großen Bogenformen nachzuvollziehen. Erweitert wird die Auswahl um "Tastobjekte" von 1957, freie Gebilde zwischen Bild und Relief, Strukturen aus diversen Stoffen wie Papiermaschee, Wellpappe, alten Nägeln und Kleister, aufgeklebt auf tragende Drahtgeflechte. Sie stehen neben quirligen, kleinformatigen Gemälden und der großformatigen Ereignismalerei.

Schumacher erweist sich auf allen Ebenen als Künstler des Dazwischen. Er bewegt sich zwischen den pastosen Strukturen Jean Dubuffets und der expressiven Gestik Jackson Pollocks. Die Arbeiten zeigen einen Künstler in der Auseinandersetzung mit Farbe als Materie, mit dem widerständigen Material. Ritzungen sind nicht hingeworfen wie die Drippings von Pollock, sondern regelrecht eingefurcht. Manipulationen wie diese verleihen der Malerei einen objekthaften Charakter. Man erkennt Teerbrocken auf der Leinwand, die fast einen 3-D-Effekt ergeben. Selbst ein reines Schwarz ist bei Schumacher keine kompakte Fläche, sondern hat etwas Vibrierendes. Dieses Drama von formbarer Materie und aktivem Eingriff zieht sich durch seine Kunst. Ohne dass er jemals in einen Aktionsrausch auf der Malfläche verfiel.

Schumacher, 1912 im westfälischen Hagen geboren, entstammte einer Handwerkerfamilie. Durch die Herkunft aus einer industrialisierten Bergarbeitergegend war ihm das Handgreifliche, das Körperliche, nah. Er ist ein typischer Vertreter der Zwischengeneration, ein Erbe der Begründer der Moderne, denen Matisse, Picasso, Ernst oder Nolde das Feld bereitet hatten. Früh begann er zu zeichnen und studierte von 1932 bis 1935 an der Kunstgewerbeschule in Dortmund, wandte sich bald jedoch von der Werbung ab und der freien Malerei zu.

Die Kriegsjahre verbrachte er als technischer Zeichner in einem Hagener Rüstungsbetrieb. 1947 schloss sich Schumacher der Gruppe "Junger Westen" an, die die Kunst um 1960 entscheidend mitgestaltete. In der Debatte um das Informel wandte er sich ab von der diskreditierten Figuration, der Feinmalerei des Nationalsozialismus hin zur Freiheitsmalerei. Eine neue Herangehensweise, die mit ihrer Lust an Farbnuancen nach der Zeit der Zerstörung und des Leids eine optimistische Perspektive eröffnete.

Charakteristisch sind seine schwarzen Linienzüge, die sich über die Jahre fast monoman auf die einfache Form eines die Bildfläche überspannenden Bogens reduzieren konnten. Sie zeigen keine Eleganz, keinen kalligrafischen Leerlauf. Die Ausstellung wird zur ornamentlosen Architektur des Barlach Hauses einen fast groben, aber spannungsreichen Kontrapunkt setzen.

Farben sind Feste für die Augen - Emil Schumacher zum 100. 14.10. bis 27.1., Ernst Barlach Haus, Jenischpark, Baron-Voght-Straße 50a, Di-So 11.00-18.00