Ein Surrealist neu entdeckt

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Annette Stiekele

Der chilenische Künstler Roberto Matta erfährt eine angemessene Würdigung mit einer großen Retrospektive

Es gibt Künstler, denen eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Kunst zukommt - und deren Name doch im öffentlichen Bewusstsein weniger präsent ist als manch anderer. Der in Chile geborene Maler Roberto Matta (1911-2002) ist so ein Fall. Unter dem Titel "Matta. Fiktionen" widmet ihm das Bucerius Kunst Forum jetzt eine umfangreiche Retrospektive. Zu sehen sind 40 Arbeiten von den surrealistischen Anfängen bis hin zu den großen Panoramaformaten der 1990er-Jahre. Es ist die erste Einzelausstellung in Deutschland seit 20 Jahren. "Dabei hat Matta die abstrakte Malerei mit initiiert. Seine Werke hängen in den großen Museen der Welt", sagt Kuratorin Dr. Eva Hausdorf. "Er war prägend für das 20. Jahrhundert."

Die Ausstellung folgt seinem Werk chronologisch und setzt dabei inhalt-liche Schwerpunkte. Dass Matta in Santiago de Chile zunächst Architektur studierte und später in Paris bei Le Corbusier arbeitete, zeigt sich in seinen frühen Arbeiten. Er ging von der Zeichnung aus, die er in den Farbraum erweiterte. In der Bildsprache seiner psychologischen Morphologien, die er "Inscape" nannte, einer Fusion der Begriffe "Inner" und "Landscape", verband er Physik und Psychoanalyse, ließ Farbflächen intuitiv ineinander laufen.

Diese inneren Landschaften entsprachen der Auffassung des Surrealismus, Zustände des Geistes und der Verfasstheit zum Ausdruck zu bringen. Früh stand Matta mit maßgeblichen Vertretern wie Salvador Dalí, André Breton oder Max Ernst in engem Kontakt. Yves Tanguy inspirierte ihn mit seinen metaphysischen Landschaften, in die Gefühle, Ängste und Wünsche Eingang fanden. Mit Marcel Duchamp glaubte Matta an eine sich ständig wandelnde Wirklichkeit. 1939 zog er ins New Yorker Exil und fand, da er von Haus aus weltmännisch auftrat und fließend Englisch sprach, rasch Zugang zur Kunstszene, wurde zum Bindeglied zwischen den Surrealisten und Vertretern des Abstrakten Expressionismus wie Robert Motherwell und Jackson Pollock.

Seine visionären Landschaften wichen 1943 einem abstrakteren Raumsystem aus Linien, geometrischen Formen und Flächen als Zeichen der gegenläufigen Kräfte des Kosmos. Seine großformatigen Malereien weisen auf Motive aus Computerspielwelten und Science Fiction voraus.

Eingedenk der Brutalität des Zweiten Weltkrieges genügte es Matta bald nicht mehr, abstrakt zu malen. Er wandte sich sozialen Morphologien zu, einer politisch engagierten Kunst - und dem Figurativen, woraufhin die Avantgarde sich von ihm abwandte. Nunmehr ein angefeindeter Kunst-Außenseiter, verließ er New York 1948 wieder Richtung Chile und Europa. In seinen oft monumentalen Werken, die eher Wandmalereien glichen, er-öffnete er nun narrative Räume, in denen sich seltsame Wesen tummelten, halb Mensch, halb Maschine. Um 1952 beschäftigt ihn wieder stärker die Frage, wie der Mensch im Raum zu verorten ist. In dieser Phase schuf er Rauminstallationen aus Leinwänden, in die der Betrachter eintreten kann, wie etwa Le Honni Aveuglant aus dem Jahre 1966.

In den 1960er- und 70er-Jahren wurden Fragen der gesellschaftlichen Veränderung immer drängender. Matta wollte mit seiner Kunst verändern und wurde auch selbst in Chile und Kuba politisch aktiv. In seinen Werken zitierte er etwa die politische Wandmalerei, ins Leben gerufen von chilenischen Brigaden zur Unterstützung Salvador Allendes. Die Werke aus dieser Zeit wirken fast kindlich naiv. Comichaft keilen sich da Autos und ihre Fahrer ineinander, werden eins - Mahnmal des blinden Fortschrittsglaubens.

Erst in seinem Spätwerk wandte er sich vom Figurativen wieder ab. Universalist, nicht aber weltfremder Idealist, ist Matta immer geblieben. Intensiv befasste er sich mit dem Organischen, Biomorphen, zog in seinen Gemälden etwa Amöben und Strahlentierchen ins Große. Er war überzeugt, dass Kunst das Potenzial hat, transzendente Wahrheiten zu erschließen, die das Leben der Menschen beeinflussen können.

Matta. Fiktionen 22.9.2012 bis 6.1.2013 Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, täglich 11.00-19.00, Do 11.00-21.00