Denkanstöße geben

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Annette Stiekele

Die Sammlungen Antike und Renaissance erstrahlen in neuer Pracht

Acht Jahre lang mussten die Hamburger auf diesen Augenblick warten. So lange dauerten die Sanierungsarbeiten, von denen die große Enfilade im Erdgeschoss des Museums für Kunst und Gewerbe betroffen war. Nun sind sie wieder geöffnet und zeigen die Sammlungen Antike und Renaissance in völlig neuer Präsentation. 2007 übernahm Direktorin Sabine Schulze das Haus, das mitten in einer grundlegenden Sanierung steckte, viele Sammlungen waren geschlossen. Sie machte aus der Not eine Tugend und erarbeitete mit den Kuratoren Frank Hildebrandt und Christine Kitzlinger ein neues Ausstellungskonzept. Das überzeugte zahlreiche Hamburger, im Rahmen von Saalpatenschaften die Finanzierung der Ausstellungsräume zu übernehmen. Dank dieser Unterstützung konnte das vielfach preisgekrönte Architektenbüro neo.studio neumann schneider für die Entwicklung eines modernen Raumkonzeptes engagiert werden.

Die große Erzählung der visuellen und angewandten Künste bildet den roten Faden, getragen von einer beide Epochen verbindenden Licht- und Farbdramaturgie. Sie spannt den Bogen von der bis heute stilprägenden Antike bis zur Renaissance, die die antiken Werte wiederentdeckte und geradezu zelebrierte. Schnittstelle beider Präsentationen ist der Raum "Charakter und Köpfe". Er versammelt sowohl Porträts aus Renaissance und Barock, als auch ihre marmornen Vorbilder aus der Antike. In den Räumen zu beiden Seiten lässt die abwechslungsreiche Ausstellungsarchitektur die Besucher in die Denk- und Lebenswelten der antiken Menschen und ihrer Nachfahren in der Renaissance eintauchen.

Mehr als 650 Kunstwerke aus dem Alten Orient, Ägypten sowie der Griechen, Etrusker und Römer erzählen vom Leben in der Antike. Zwar findet sich in der Präsentation eine kulturräumliche und chronologische Ordnung wieder, doch greift die Ausstellung immer wieder Themen auf, die bis heute aktuell sind und den Bogen über Zeiten und Räume schlagen.

Der Rundgang beginnt mit dem ältesten Objekt des Museums, einem um 5300 v. Chr. geschaffenen Tontopf aus Anatolien. Zusammen mit einem abstrakten Idol, einem chinesischen Tongefäß und einem ägyptischen Relief dokumentiert er die fortwährende Beschäftigung des Menschen mit seiner Umwelt. Der Antrieb seiner Neugier: Ehrfurcht und Faszination. So lässt der Raum "Ägypten - Land der Pharaonen" den Besucher über die Welt staunen wie seine Vorfahren, in der Mitte eine große Statuette des Gottes Osiris, umgeben von einem Sternenhimmel und Objekten vor goldenem Hintergrund. Erstmals zu sehen sind auch die kostbaren koptischen Textilien des Museums, darunter ein vollständiges Kindergewand.

Die Räume der griechischen Antike erzählen von Homers Helden, vom vermeintlichen Trojanischen Krieg und von Krieg und Sport. Im "Zeitalter der Tyrannis" steht das politische Denken im Mittelpunkt, sei es im Theater, im Privaten oder beim Symposion (Trinkgelage). Im Anschluss an einen Einblick in die Schönheitsvorstellungen nach dem Reich Alexanders des Großen findet sich der Besucher schließlich bei den Etruskern wieder, denen der Handel als Motor des kulturellen Austausches diente.

Die frühe Neuzeit feierte die Wiedergeburt der Antike. Mit 250 Kunstwerken von internationalem Rang macht die Ausstellung eine Zeit lebendig, in der der weltweite Handel und die aufkommenden Entdeckungsreisen die Grundlage für ein blühendes Kulturschaffen bilden.

Der Wunsch "Die neue Welt" zu erobern, so der Titel eines Raumes, trieb Könige und Fürsten in der Renaissance an. Ihre Strategien übten sie beim Schachspiel, das seit dem Mittelalter Symbol für die Welt war. Wie eine Figur auf einem übergroßen Schachbrett stehend, entdeckt der Besucher die Werke, die von Wissenschaft, Macht und Kunstfertigkeit an den Höfen zeugen. Die "Kunstkammer", Vorläufer aller Museen, versammelt in einem großen Setzkasten kostbare Artefakte und Exotisches wie Schildpatt oder Kokosnuss, die Seefahrer und Händler von fremden Kontinenten mitbrachten. In Europa wurden sie als Raritäten gesammelt oder zu kostbaren Preziosen verarbeitet. Die Neuzeit verändert auch das "Menschenbild". Geschnitzte Akt-figuren aus Buchsbaum und Elfenbein künden davon, dass sich der neugierige Neuzeit-Mensch auch mit seiner ei-genen Physis und Anatomie befasst, angelehnt an die antiken Vorstellungen von harmonischen Proportionen.

Mit der Entdeckung der Welt ex-plodiert auch das Wissen, blühende Städte entstehen. Die Schedelsche Weltchronik dokumentiert etwa den damaligen Wissensstand der Menschen und ihr Bewusstsein für die Entwicklung des Städtewesens. Die neu ein-gerichtete Ausstellung zeigt die Werte und Ideen auf, die die Menschen und ihren Schaffensdrang seit der Antike bis heute verbinden. Das ist lebendige Geschichte.

Neueröffnung Sammlungen Antike und Renaissance ab 1.9., Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Steintorplatz, Di-So 11.00-18.00, Do 11.00-21.00