Stahl, der sich gegenseitig trägt

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Ursula Herrndorf

Das Kunsthaus würdigt den Hamburger Bildhauer Jan Meyer-Rogge mit einer großen Schau

"Alles hält, weil alles fällt", hieß einmal eine Ausstellung von Jan Meyer-Rogge. Auch wenn der etwas flapsige Titel für die äußerst klugen Arbeiten des Hamburger Bildhauers leicht unpassend erscheint, bringt er das Wesentliche zum Ausdruck. Jan Meyer-Rogge nutzt die stürzende Bewegung einzelner Elemente seiner Skulpturen, um ein dynamisches und doch stabiles Ganzes zu schaffen. Entscheidend sind dabei jene wenigen Millimeter, in denen widerstrebende Kräfte sich beim Aufeinandertreffen gegenseitig aufheben und mitten in der Bewegung Ruhe entsteht. Die Halbkreise, Scheiben, Stangen oder Winkel aus Stahl tragen sich gegenseitig, indem sie aufeinander lasten.

"Balancen" heißt nun eine große Schau in der Barlach-Halle des Kunsthauses, die 25 Stahlskulpturen von Jan Meyer-Rogge aus den vergangenen 24 Jahren zeigt. So lange ist es her, dass der zweimalige Edwin-Scharff-Preisträger - bis auf 1999 - in Hamburg ausgestellt hat. Dafür aber an zahlreichen anderen Orten.

Die Übersichtsschau präsentiert kleine und mittelgroße Skulpturen, die wie abstrakte Zeichen anmuten und kühne, mitunter übermütige Linien in den Raum schreiben. Häufig bezieht sich Jan Meyer-Rogge auf Naturereignisse. Von Beginn an, sagt er, habe "das Elementare, der Kreislauf der Naturkräfte und der Moment des Innehaltens" seine plastischen Vorstellungen bestimmt. Es sind einfache geometrische Formen, die der Künstler für seine Arbeiten benutzt. Halbkreise oder Geraden, die etwa in gleichzeitiger Unter- und Überlagerung ein Kräftespiel visualisieren, das bei auf- und ablaufendem Wasser stattfindet, aber ebenso als Essenz des Lebens schlechthin verstanden werden kann.

Jan Meyer-Rogge, 1935 in Hamburg geboren, studierte an der hiesigen Hochschule für bildende Künste Malerei bei Karl Kluth. 1981 empfing er den Edwin-Scharff-Preis, den er aus Protest gegen die damalige Kulturpolitik wieder zurückgab. Im Jahr 1987 wurde er ihm erneut verliehen. Immer setzte er sich auch politisch für Kunst und Künstler ein und schrieb schon 1989: "Es geht nicht mehr um Utopien, auch nicht um Inhalte, sondern man macht es den großen Ausstellungsmachern und den Showmastern nach." Ein Satz, der nichts an Aktualität verloren hat. Diese Schau setzt einen Kontrapunkt.

Jan Meyer-Rogge: Balancen 25.9. bis 28.10, Kunsthaus Hamburg, Klosterwall 15, Di-So 11.00-18.00, Katalog 19,90 Euro inkl. CD