Steine, die die Welt bedeuten

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Matthias Gretzschel

Lässt sich Geschichte im Spielzeugformat darstellen? Mit der von Wissenschaftlern konzipierten Ausstellung Lego-Zeitreise will das Archäologische Museum den Beweis antreten

Die Weltgeschichte besteht aus 1,5 Millionen streng genormter Einzelteile. Sie sind bunt und eckig, glatt und abwaschbar. Je nachdem, wie man diese Plastikteile, die die Welt bedeuten, aufeinander und miteinander in Beziehung setzt, entstehen Hochhäuser oder Pyramiden, mittelalterliche Burgen oder die Skyline einer deutschen Großstadt. Die Einzelteile sind austauschbar, industriell hergestellt und in jedem Spielzeuggeschäft zwischen Hamburg und Hanoi, Moskau und Miami erhältlich, denn dieses Panorama der Weltgeschichte wurde aus Lego zusammengefügt.

Lego kann einfach sein und höchst kompliziert. Mit Legosteinen kann man in die Steinzeit zurückkehren oder futuristische Raumstationen auf die Reise in ferne Galaxien schicken. Lego ist mehr als nur der Name einer höchst erfolgreichen dänischen Weltfirma mit ausgebuffter Marketingstrategie, Lego ist Kindheitserinnerung und Welterfahrung. Wer je mit Lego gespielt hat, wird sich an die Genugtuung und das Glücksgefühl beim Anblick eines gelungenen Bauwerks ebenso erinnern wie an das Gefühl der Vergänglichkeit, wenn man es am Abend wieder zerstören und in seine vielen Einzelteile zerlegen musste. Alles lässt sich auseinandernehmen, und nichts ist von Dauer, diese weltgeschichtliche Erfahrung liegt als unsichtbarer Beipackzettel jedem Lego-Baukasten bei. Wer als Kind intensiv mit Lego gespielt hat, weiß viel von der Welt und steht daher vielleicht weniger in der Gefahr, größenwahnsinnig zu werden.

Wenn uns das Archäologische Museum Hamburg jetzt zeigt, wie man mit Lego Weltgeschichte erfahren kann, geht es einerseits ganz wissenschaftlich ums Große und Ganze - um Gott und die Welt, Epochen und Bauwerke, Krieg und Frieden, aber auch um die Details: Man sieht, wie vorzeitliche Menschen ein Mammut erlegen, ägyptische Arbeiter im Alten Reich eine Pyramide errichten oder wagemutige amerikanische Siedler Mitte des 19. Jahrhunderts mit Planwagen und Kühen gen Westen aufbrechen.

"Lego-Zeiteise" heißt das Ausstellungsprojekt, das zuvor schon im Neanderthal-Museum in Mettmann zu sehen war und unter Anleitung von Archäologen entwickelt wurde. Entstanden sind insgesamt zwölf historische Szenerien, die mit einem Neandertaler-Lager beginnen, dann Babylon, Alt-Ägypten, Griechenland und Rom zeigen und über die Große Mauer im alten China, die Wikinger, das europäische Mittelalter, die vorkolumbianischen Kulturen und die Besiedlung Nordamerikas bis hin zum gegenwärtigen Leben in einer deutschen Großstadt führen, um dann mit einem Ausblick auf die Raumfahrtzukunft zu enden.

Nichts wurde hier dem Zufall überlassen, alles ist genau durchdacht und geplant, so spielerisch das Ganze auch anmutet. Fünf Monate waren die drei professionellen Lego-Baumeister René Hoffmeister, Axel Al-Rubaiebeen und Reinhard Breuer im brandenburgischen Niemegk am Werk, um die zwölf jeweils etwa einen Quadratmeter großen Szenen zu gestalten.

Dafür verwendeten sie keine besonders angefertigten Bauteile, sondern ausschließlich handelsübliche Steine, die freilich in erstaunlicher Vielfalt zu haben sind. René Hoffmeister und sein Team sind keine begabten Amateure, sondern Spezialisten, die sich offiziell Lego Certified Professionals nennen dürfen. Insgesamt erreicht ihre historische Lego-Landschaft eine Länge von 30 Metern. Da sie sich so aber nicht transportieren lässt, wird das Geschichtspanorama in einzelne Segmente zerlegt, per Lastwagen nach Hamburg transportiert und im Archäologischen Museum in Harburg anschließend nach genauen Vorgaben wieder zusammengesetzt. Dass es Spaß macht, die Weltgeschichte im Legoformat zu betrachten und sich dabei auch gern in Details zu verlieren, steht außer Frage. Nicht nur Kinder werden ihre Freude daran haben. Dass Miniatur-Welten eine enorme Faszination haben, beweist spätestens der anhaltende Riesen-Erfolg des Miniaturwunderlandes in der Speicherstadt.

Nur, was kann uns diese Lego-Welt lehren? Lässt sich Geschichte tatsächlich durch das Nachstellen im Spielzeug-Format vermitteln? Sind historische Zusammenhänge nicht viel zu komplex, als dass sie auf diese Weise verständlich werden könnten?

Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums, kennt solche Einwände, hält sie aber für unbegründet. "Die Ausstellung ist von vornherein wissenschaftlich begleitet worden. Was wir zeigen, sind eben keine Fantasiewelten, sondern Szenarien, die tatsächlich historische Zusammenhänge vermitteln", sagt Weiss. Er ist davon überzeugt, dass der spielerische Zugang, den die Lego-Welt bietet, nicht nur Kindern Lust darauf machen wird, sich intensiver mit Kulturgeschichte auseinanderzusetzen.

Für den spielerischen Weg und die sinnliche Art der Wissensvermittlung hat sich Rainer-MariaWeiss bereits bei der Neugestaltung der archäologischen Dauerausstellung entschieden, deren Konzept die Wissenschaftler seines Hauses gemeinsam mit den Spiele-Experten der Firma Ravensburger entwickelt haben. Und an den Erfolg dieser Abteilung, die vor allem jungen Besuchern Archäologie, Vor- und Frühgeschichte als spannendes Abenteuer und aufregende Entdeckungsreise präsentiert, soll die Lego-Schau jetzt anknüpfen.

Doch wird es in Harburg nicht ausschließlich um die bunten Steine gehen, sondern auch um eine andere Art der Geschichtsdarstellung, die in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Miniaturwunderland entstanden ist. "Geschichte der Zivilisation", heißt der Zyklus von insgesamt acht Dioramen, der in etwa 7000 Arbeitsstunden von Modellbauern realisiert wurde und bereits im Miniaturwunderland zu sehen war. Noch nicht zur Eröffnung, doch einige Zeit später wird er die Lego-Schau ergänzen. Er stellt die zivilisatorische Entwicklung nicht anhand verschiedener Kulturräume dar, sondern mittels eines einzigen Schauplatzes. Und dabei handelt es sich um ein und dasselbe Stück einer idealtypischen Landschaft aus Mitteleuropa.

Was geschieht damit im Lauf von 7000 Jahren? Wie verändert sich eine Landschaft auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands unter dem Einfluss von Kultur und Geschichte im Zeitraum von 5500 v. Chr. bis 1942?

Was wir zu sehen bekommen, ist dreidimensionales Daumenkino, Geschichte im Zeitraffer, die durchaus kein Wunderland ist, sondern Entwicklungen und Konflikte, Errungenschaften und Kriege zeigt und erkennbar werden lässt, wie sich geschichtliche Entwicklungen auf das Leben der Menschen und die Gestalt einer Landschaft auswirken.

Nach einer allgemeinen Einführung beginnt die Reise in einer Siedlung der Jungsteinzeit, in der die Menschen nicht mehr nur Jäger und Sammler waren, sondern sich bereits von Ackerbau und Fischfang ernährten. Daraus wird eine frühmittelalterliche Stadt mit Kirche, öffentlichen Brunnen, einem Flusshafen und aus Stein errichteten Häusern. Im Spätmittelalter nimmt der Handel zu, Burg und Stadt sind durch Mauern getrennt. Die Bauern führen die Dreifelderwirtschaft ein, trotzdem müssen viele Menschen nach Missernten hungern. Andere fallen Seuchen wie der Pest zum Opfer oder geraten zwischen die Fronten der Glaubenskriege.

Im Barockzeitalter hat sich die Burg zum Schloss gewandelt. Der Landesherr pflegt einen aufwendigen Lebensstil, die Landbevölkerung hat dagegen unter den Plünderungen diverser Söldnerheere zu leiden. Dann bricht nach französischem Vorbild die Revolution aus, die Menschen fordern Freiheit, Fabriken entstehen, neue Erfindungen verändern das Leben. Das 19. Jahrhundert steht im Zeichen der Industrialisierung, die Menschen werden durch den Ausbau der Eisenbahn immer mobiler. Großstädte entstehen, Deutschland wird 1871 als Kaiserreich vereinigt, der Erste Weltkrieg fordert Millionen Opfer. Das letzte Diorama zeigt das Ende der Weimarer Demokratie und den Machtantritt der Nationalsozialisten. Einzelne Szenen stellen NS-Architektur dar, die Militarisierung der Gesellschaft, die Verfolgung der Juden, die Zerstörung einer Synagoge in der Pogromnacht 1938 und Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die während des Krieges in Rüstungsbetrieben schuften mussten.

Sicher wirken diese Szenen mitunter plakativ, aber aufgrund ihrer detaillierten Ausführung und der Konzentration auf zentrale Inhalte machen sie Geschichte anschaulich - nicht irgendwo zwischen Griechenland und Ägypten, Rom und Paris, wie bei den Lego-Panoramen, sondern unmittelbar vor unserer Haustür, was diese achtteilige Geschichtslektion für die jungen und älteren Ausstellungsbesucher zugleich zu einem Stück Heimatkunde macht.

Lego-Zeitreise 26.9.2012-31.1.2013 Archäologisches Museum Hamburg/Helms-Museum, Museumsplatz 2, Harburg, Di-So 10.00-17.00, Informationen zu Führungen im Internet unter www.archaeologisches-museum-hamburg.de