Mädchen mit wachem Blick

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Wolf Jahn

"Alice im Wunderland der Kunst" beleuchtet eine Inspirationsquelle

Vielleicht diesmal nicht zu Fuß. Stattdessen besser den Aufzug nehmen in die Galerie der Gegenwart. Wer hier nach oben fährt, wird Zeuge, wie Alice im Gegenzug nach unten purzelt. Mit offenem Mund und rudernden Armen, wie einer von mehreren Filmausschnitten in der Liftkabine zeigt. Im ersten Stock angekommen, geht es dann hinein zu "Alice im Wunderland der Kunst". Die Ausstellung wagt einen Brückenschlag vom Gestern, den Zeiten, als Lewis Carroll seine berühmten Bücher verfasste, bis ins Heute, da die Figur der Alice noch immer gut ist für Kunst und schillerndes Merchandising.

Mehr als 200 Werke aus 150 Jahren Kunst- und Kulturgeschichte, Fotografien, Gemälde, Kostüme bis hin zu Filmen zeugen von ihrer bis heute anhaltenden Faszination. Alice, das ist nicht nur das kindliche Staunen, das Wundern über die starre Welt der Erwachsenen, ihrer "realen" und rationalen Wirklichkeit, der mathematisch kalkulierbaren wie messbaren Außenwelt. Alice, das sind ebenso das weiße Kaninchen, die Grinsekatze, das gesamte Personal des Irrationalen, das Lewis Caroll in seinen Bestseller mit einflocht. Mit ihnen erlebt Alice verkehrte Welten, in denen Größen relativ sind.

Mal ist sie so klein, dass sie durch ein Mauseloch passt. Dann wieder über zwei Meter groß. So hoch gewachsen, wie es jetzt eine durchgängige schwarze Linie von Mel Bochner markiert. Und "hoch" gewachsen genug, um in die überdimensionierten Polstermöbel von Pipilotti Rist zu passen, in denen wir Normalsterbliche zu Kindern schrumpfen. Alice erfährt, dass Zeit und Linearität nicht dasselbe sind und Raum nicht gleich Raum ist. Sie verliert sich in einem Labyrinth des Bewusstseins, an dessen Mauern und Öffnungen auch der Besucher gelangt. Für "Alice im Wunderland der Kunst" baute Monika Sosnowska einen Gang mit zahlreichen verschlossenen und offenen Türen. Geradeaus geht's nie, raus kommt man aber immer.

Seit ihrem Erscheinen (1865) genießt "Alice im Wunderland" eine ungebrochene Popularität. Alice ist kein umstrittenes Werk wie Charles Darwins wenige Jahre zuvor erschienenes Hauptwerk "Über die Entstehung der Arten", das ebenso wie Alice mit Kanon und Regeln des tradierten Wissens bricht. Im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit, die den Geschichten der Alice zuteil wird, fördert zum ersten Mal ein gezieltes Marketing zutage, an dem auch der Autor mitwirkt. Keksdose oder Möbelbezugsstoff kullern aus dem Füllhorn der Zweitverwertungsbranche.

"Alice"-Ausgaben häufen sich, Theaterinszenierungen folgen, Illustrationen passen sich dem Zeitgeschmack an, der moderne Klassiker hält für politische Anspielungen her. 1939 erscheint die Satire "Adolf in Blunderland", eine Karikatur der damaligen politischen Verhältnisse in Europa. Unterlegt mit Passagen aus deutschen Opern, wurde die Lektüre über die BBC ausgestrahlt. Vor allem hat Alice die Künste inspiriert. Schon die Präraffaeliten faszinierte die erwachende Seele des Kindes, wie sie das kleine Mädchen im Bett in Sir John Everett Millais' "Waking" (1865) zitiert. Ihr wacher Blick richtet sich auf einen Vogel im Käfig, Sinnbild der eingeschlossenen und gleichzeitig der sich befreienden Seele.

Jahrzehnte später kommen die größten Bewunderer von Carrolls Lektüre auf den Plan, die Surrealisten. Max Ernst, René Magritte, Óscar Domínguez und Salvador Dalí entdecken das kleine Mädchen für sich, für ihre Traumwelten und Landschaften des Unbewussten und für das Wunder, das unter dem Pflaster von Ratio und gängiger Empirie lauert. Dalí übt sogar den Zusammenschluss mit Walt Disney und dreht einen Film mit dessen Zeichentrickstudios. Bis in die Gegenwart reflektieren Künstler die Metamorphosen des Mädchens Alice.

Die 1960er- und 1970er-Jahre entdecken in ihr den Rausch, die Erweiterung des Bewusstseins, das Aufbrechen der Ordnung der Dinge, wie es etwa Joseph Kosuth in seiner Reflexion über die Zeit unternimmt. So lädt Yayoi Kusama 1968 zum "Alice in Wonderland Happening" ein. Das kleine Mädchen wird als "Grandmother of the hippies" gefeiert, in deren Andenken man sich nun nackt und bunt bemalt in New Yorks Central Park versammelt. "Alice", erinnert Kusama, "was the first to take pills to make her high." Später verwandelt sich Alice in eine Figur, in der das Rätsel der eigenen Identität auftaucht. Wer bin ich? Wie bin ich zu der geworden, die ich bin? Hilfreich steht Alice bei solchen Fragen bevorzugt Künstlerinnen zur Seite. Schließlich versucht auch die Kunsthalle, die Besucher in das Spiel mit den Tücken von Logik und Ratio interaktiv miteinzubeziehen. So verwandelt sich Alice in der Videoinstallation von Hanna Haaslahti ins unausweichliche Alter ego des Betrachters. Nicht in seinem Auge, sondern in seinem Schatten verfolgt sie ihn mit ihrem blauen Kleid. Entkommen unmöglich.

Die Ausstellung wird unterstützt durch die Freunde der Kunsthalle und Malschule in der Kunsthalle e.V.

Alice im Wunderland der Kunst bis 30.9., Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Di-So 10.00-18.00, Do 10.00-21.00