Was Restauratoren wollen

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Matthias Gretzschel

Ein Gespräch mit Christian Leonhardt, dem Präsidenten des Fachverbandes

Welche Aufgaben ein Restaurator hat, bleibt den meisten Museumsbesuchern verborgen. Dabei trägt seine Arbeit wesentlich dazu bei, dass Kunstwerke nicht nur auf Dauer erhalten und für die Zukunft bewahrt bleiben, sondern überhaupt erst öffentlich gezeigt werden können. Auch für jede Sonderausstellung ist die Arbeit der Restauratoren unverzichtbar. Wir fragten Christian Leonhardt, der nicht nur selbst als Restaurator tätig ist, sondern auch als Präsident des Verbandes der Restauratoren (VDR).

Hamburger Abendblatt:

Wie wird man Restaurator?

Christian Leonhard:

Man hat die Möglichkeit, bundesweit an acht Hochschulen in 16 verschiedenen Fachrichtungen zu studieren. Zur eigenverantwortlichen Ausübung des Berufs ist ein Masterabschluss notwendig.

Wie wichtig ist bei der akademischen Ausbildung das Handwerkliche?

Leonhard:

Natürlich muss man handwerklich geschickt sein, aber es geht um mehr. Man muss wissen, wie ein Kunstwerk entstanden ist, braucht technologische Kenntnisse, muss für die Ästhetik sensibilisiert sein. Ein ausgebildeter Handwerker muss man allerdings nicht sein

Zu den zentralen Aufgaben der Museen gehört es, Kulturgüter zu bewahren. Was bedeutet das für die Restauratoren?

Leonhardt:

Sie betreuen die Dauer- und Wechselausstellungen und sind natürlich für Leihgaben verantwortlich. Der Öffentlichkeit verborgen bleibt die Arbeit an den Werken im Depot, in dem meist 80 Prozent der jeweiligen Sammlung verwahrt werden.

Wie hat sich das Berufsbild in den letzten Jahren verändert?

Leonhardt:

In der Nachkriegszeit ging es sehr stark um künstlerisch-handwerkliche Arbeiten. Heute ist ein viel umfangreicheres Wissen erforderlich, das man sich nur noch mit einer zunehmenden Spezialisierung erwerben kann. Das setzt sich auch in der Berufsausübung fort. Heute ist es ein akademischer Beruf mit vielen naturwissenschaftlichen Facetten.

Gerade bei der aktuellen Kunst stellen sich besondere Herausforderungen. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen zum Beispiel mit nur 20 oder 30 Jahre alten Werken der Videokunst um, deren elektronische Trägermedien extrem schnell veraltet sind?

Leonhardt:

Es gibt neue Studiengänge mit Spezialisierungen, die sich explizit mit diesen Materialien beschäftigen. In den Museen muss man aber auch wissen, dass diese Kunstwerke nicht permanent gezeigt werden können. Duplizieren ist nicht immer möglich und liegt außerdem gar nicht unbedingt in der Intention des jeweiligen Künstlers.

Kann man da gar nichts machen?

Leonhardt:

Doch, es gibt ja Erfolge. Zum Beispiel bei der Restaurierung von Fritz Langs 1927 gedrehtem Film "Metropolis", dessen Originalsubstanz restauriert werden konnte. Das setzt aber eine intensive Auseinandersetzung mit dem Material voraus. Trotzdem mahnen wir zur Vorsicht. Wenn zum Beispiel Videokunst ausgestellt werden soll, muss selbstverständlich immer ein darauf spezialisierter Restaurator zurate gezogen werden.

Wie eng ist die Zusammenarbeit zwischen Kurator und Restaurator?

Leonhardt:

An vielen großen Häusern ist die Zusammenarbeit gut. Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass unser Kulturgut eine vergängliche Ressource ist. Die Kuratoren hören in der Regel auch dann auf die Restauratoren, wenn diese ihnen mitteilen, dass ein bestimmtes Kunstwerk eben nicht mehr ausleihfähig ist.

Im vergangenen Jahr haben Restauratoren aber heftig protestiert, weil die stark gefährdete "Stuppacher Madonna" von Matthias Grünewald trotzdem zur Madonnen-Ausstellung nach Dresden ausgeliehen worden ist. Sind solche Konflikte häufig?

Leonhardt:

Natürlich sind große thematische Sonderausstellungen schon aufgrund des Besucherinteresses für die Museen notwendig. Das führt zu einem großen Leihverkehr. Deshalb ist es wichtig, dass die Argumente der Restauratoren ernst genommen werden. Und das ist zum Beispiel bei der Nürnberger Dürer-Ausstellung letztlich gelungen, obwohl die Leihanfrage sogar zum Politikum gemacht wurde.

Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg wollte für seine Ausstellung über den frühen Dürer das "Selbstbildnis im Pelzrock" aus der Bayerischen Staatsgemäldesammlung ausleihen, was diese aus konservatorischen Gründen ablehnte.

Leonhard:

Nach heftigen politischen Auseinandersetzungen hat die Vernunft doch gesiegt. Beigelegt wurde der Streit schließlich durch den Sachverstand der Restauratoren aus beiden Häusern, aus München und Nürnberg, die einvernehmlich festgestellt haben, dass das Bild nicht ausleihfähig ist.

Haben Restauratoren ein Vetorecht?

Leonhardt:

Sie sollten es haben. Und in der Regel folgt man auch ihrem Rat.

Wann ist ein Restaurator glücklich? Was sind die größten Erfolgserlebnisse?

Leonhardt:

Ein Restaurator ist dann glücklich, wenn er ein Kunstwerk bewahren konnte. Wenn er dazu beigetragen hat, dass ein ihm anvertrautes Objekt wieder öffentlich gezeigt werden kann, ohne gefährdet zu sein. Er ist glücklich, wenn man seine Arbeit wahrnimmt und schätzt.