Extrajournal HAW

"Mein Auftritt gibt Menschen Hoffnung"

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Yvonne Scheller

Foto: Paul James Hay / Paul James Hay/HAW Hamburg

Mario Galla arbeitet trotz einer Prothese erfolgreich als Model und studiert Medien und Informatik an der HAW Hamburg. Sein Leben macht Mut.

Hübsche Models gibt es viele. Hübsche Models mit Beinprothese sind da eher selten. Und wenn sie dann noch in Shorts für einen bekannten Designer über den Laufsteg schreiten, gleicht es fast einer Sensation. So geschehen auf der Berliner Fashion Week 2010 bei der Show von Michael Michalsky. Das Publikum traute seinen Augen nicht, aber den coolen Blonden auf der Bühne schien sein Handicap gar nichts zu beeinträchtigen, im Gegenteil: Schönheit ist keine Frage der Perfektion, schien sein Gang auszudrücken, und die Zuschauer applaudierten.

26 Jahre ist Mario Gallas jung, doch seine Vita liest sich schon extrem beeindruckend. Er studiert "Medien und Information" im vierten Semester an der HAW Hamburg, hat beim NDR eine Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation absolviert, ist Topmodel, und im September kam in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Lars Amend sein erstes Buch heraus: "Mit einem Bein im Modelbusiness: Wie ich trotz Handicap zum Model wurde". Michael Michalsky schrieb das Vorwort und betont darin, dass ihn Gallas Lebensfreude und positive Energie von Anfang an fasziniert habe.

Sympathisch wirkt er außerdem, ein Typ mit dem man gern umgeht - und der wiederum mit seiner Behinderung locker und natürlich umgeht. "Ich wurde mit einer Oberschenkelverkürzung geboren, da fehlen etwa 15 bis 20 Zentimeter. Der Fuß ist dann wieder ganz normal", erklärt Galla. Seit seinem dritten Lebensjahr trägt er eine Prothese, eine Art carbonverstärkten Stützstrumpf, mit dem er sogar Fußball oder Basketball spielen kann. "Am 20. November werde ich zusammen mit Fatih Akin bei seinem Basketball-Benefizprojekt in der Sporthalle Hamburg dabei sein", sagt er, und die Begeisterung, die in seinen Worten mitschwingt, wirkt ansteckend.

Trotzdem scheint es überraschend, dass ihm sein "Proximaler fokaler Femurdefekt", so lautet der korrekte medizinische Fachausdruck, gerade in der auf Perfektion getrimmten Model-Welt nicht zum Problem wurde. "Bei den meisten Fotos bleibt die Illusion ja erhalten", meint Galla leichthin. "Aber wahrscheinlich ist es tatsächlich einfach eine Frage, wie man damit umgeht", fährt er fort. "Für mich ist es ganz normal, wie ich bin, und das transportiere ich dann wohl auch. Darum war es für mich geradezu überwältigend zu erleben, wie die Leute auf meinen Auftritt in Berlin reagierten. Ich bekomme noch heute begeisterte Mails von Menschen, die mir schreiben, wie sehr ihnen mein Auftritt Hoffnung gegeben hat, wie motivierend sie es fanden."

Gallas Model-Karriere begann bei seinem Lieblings-Imbiss im Grindelviertel. Als er gerade seinen Burger mit Spezialsoße geordert hatte, sprach ihn ein Model-Scout an: Mario hätte das Zeug zum Modeln. Der Mann hatte recht, inzwischen läuft Galla für namhafte Labels wie eben Michalsky, Alexis Mabille und auch Hugo Boss. Über seinen ersten Auftritt dort sagt Galla: "Ich war so aufgeregt, mir haben die Knie geschlottert. Der Laufsteg hat sich so lang angefühlt, als ob ich von Hamburg nach Berlin zu Fuß unterwegs wäre."

Das Model-Leben liegt Galla, allerdings bezeichnet er es gleichfalls als eine "Achterbahnfahrt zwischen Enttäuschung und Erfolg". Es gäbe viele Castings und somit natürlich auch viele Absagen. "Und so isst du an einem Tag Toast mit Ketchup, am anderen kommt ein Anruf. Du fliegst dann für eine Kampagne nach Paris und kannst dir eigentlich eine Anzahlung auf eine Eigentumswohnung leisten."

Auf jeden Fall reichen die Model-Gagen zum Leben, sagt er. Somit müsse er keinen Studentenkredit aufnehmen. Schon beim NDR hatte er festgestellt, "für eine richtige Karriere braucht man ein Studium. Also hab ich überlegt, was mich interessiert." Die Vielseitigkeit des Studiums "Medien und Information" hat ihn dann überzeugt. "Das inhaltliche Spektrum reicht von gestalterischer Programmierung, etwa in Flash, C++ oder auch HTML-Basics, über Medientheorie und -recht bis zu Design." Das passt Galla deshalb so gut, weil er noch nicht genau weiß, wohin es nach dem Studium beruflich gehen soll. Aber sein eigener Chef will er bleiben. Ob das mit einer Modekollektion sein wird, mit einer Künstleragentur oder einem eigenen Café, werde sich zeigen.

"Ich lebe im Jetzt. Ich hatte ja nicht geplant, Buchautor oder Model zu werden. Aber eine eigene Kollektion, bei der ich am kreativen Prozess beteiligt bin, das wäre schon klasse." Eine große Kampagne für internationale Modehäuser würde er ebenfalls sehr gerne machen. "Aber ich lasse mich überraschen und freue mich über alles, was kommt", sagt der junge Mann. Über einen Vorteil, den das Modeln mit sich bringt, freut er sich besonders. Das Reisen. Bei der Frage nach dem Reiseziel, das er wählen würde, wenn er jetzt spontan in einen Flieger steigen könnte, antwortet Mario Galla prompt: "Bali." Kurze Zeit später: "Oder die Seychellen. Oder Miami. Oder Brasilien ..." Dem Mann ist kein Weg zu lang.