Gesichter der Wissenschaft

Die Psychologin: Dr. Claudia Friedrich

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"Jeder, der diesen Artikel lesen kann, hat mindestens drei Wörterbücher in seinem Kopf", fasst Claudia Friedrich das Ergebnis ihrer Studien zusammen. Gemeinsam mit Sprachwissenschaftlern der Uni Hamburg erforscht die promovierte Psychologin als derzeitige Leiterin des Lehrstuhls für Entwicklungspsychologie, auf welche Weise Kinder neue Wörter erlernen. "Schon Babys wissen ganz viel über Sprache", sagt Friedrich, "und das lange, bevor sie selber sprechen können."

Zwei- bis dreimal pro Woche bekommt sie Besuch im Baby-Labor, das sich zwei Stockwerke unter ihrem Büro befindet. Dort testet die 37-Jährige schon drei Monate alte Säuglinge auf ihr Sprachverständnis. "Die meisten Forscher behelfen sich, indem sie Kinder beobachten, also ihre Reaktionen bei der Kommunikation dokumentieren. Wir messen die Hirnströme der Kinder und können so darauf schließen, welche Wörter sie schon kennen und worauf sie reagieren, also zum Beispiel auf besondere Betonungen."

Für ihre Arbeit mit den Kleinen braucht die Wissenschaftlerin viel Geduld. "Mit Kindern ist das nicht so einfach, etwa 50 Prozent von denen, die wir einladen, machen überhaupt nur mit, und auch von denen kann man nicht alles gebrauchen", sagt Friedrich. Am Ende habe sie etwa drei bis vier Minuten lange Aufzeichnungen, die sie tatsächlich verwerten könne. "Das ist relativ aufwendige Forschung für eine kleine Fragestellung, die wir untersuchen."

Doch für die Ergebnisse lohnt sich der Aufwand, denn wie Spracherwerb funktioniert, können Friedrich und ihre Kollegen schon jetzt immer besser verstehen. "Ganz kleine Kinder sammeln zunächst alle Wörter in ihrem Kopf, die ihnen begegnen und erschließen sich daraus eine Art Wörterbuch, das sie nach Betonungen sortieren", erklärt die Psychologin. Mit frühestens einem halben Jahr wissen sie, was erste Wörter, meistens "Mama" und "Papa", bedeuten. Friedrichs liebstes "Forschungsobjekt" ist ihre zweijährige Tochter Lydia. "Bei ihr sehe ich, wie Kinder in jeder betonten Silbe den Anfang eines Wortes zu erkennen glauben, deshalb heißt der Elefant bei ihr auch 'Fand' und die Tomate 'Made'." Anders sei dies zum Beispiel bei französischen Kindern, die bei betonten Silben das Ende eines Wortes erkennen. "Das lässt sich schon beim Schreien nachweisen. Drei Tage alte deutsche Babys schreien am Anfang am lautesten, bei französischen liegt der Akzent beim Schreien am Ende", sagt Friedrich. Aufbauend auf das Lexikon, in dem Wörter nach Betonungen sortiert sind, kommen später laut Friedrich mindestens zwei weitere hinzu. "Das letzte basiert auf Buchstaben und entsteht, wenn Kinder lesen lernen", sagt die Psychologin. Dann nämlich übertragen Kinder genau wie Erwachsene das Schriftbild in ihr Lexikon im Gehirn und erkennen die Wörter anhand von Buchstaben.

Natürlich möchte Friedrich nicht nur verstehen, wie Kinder Sprache erlernen, sondern daraus auch konkrete Anwendungsbezüge herstellen. "Wir wollen langfristig Strategien entwickeln, um Kinder, die besondere Schwierigkeiten beim Erlernen einer Sprache haben, gezielt zu fördern." Auch Erwachsene, bei denen das Sprachzentrum zum Beispiel durch einen Schlaganfall gestört ist, sollen davon profitieren. "In ferner Zukunft können wir die Wörterbücher in Form von Neuroprothesen vielleicht sogar nachbauen", hofft Friedrich.

Für die Erforschung der Prozesse, die im erwachsenen Gehirn ablaufen, wurden Hamburger Wissenschaftler vielfach ausgezeichnet. Um weitere, dringend benötigte Experten in dem Gebiet der Entwicklung kognitiver Prozesse auszubilden, hat die Universität Hamburg im Masterstudium Psychologie den Forschungsschwerpunkt "Kognitive Entwicklungsneurowissenschaften" eingerichtet. Friedrich: "Damit wollen wir den Standort Hamburg weiter stärken."