Australische Satire

Brett Deans Oper "Bliss" erstmals in Deutschland

Andere gönnen sich die MidlifeCrisis häppchenweise - Harry Joy steigt gleich ganz aus: Ein Herzinfarkt katapultiert den erfolgreichen Werbemenschen, Ehemann, Familienvater und Hausbesitzer für Minuten aus seinem Leben. Als er wieder zu sich kommt, glaubt er sich auf dem geraden Weg zur Hölle - dabei ist alles beim Alten, außer seinem Blick darauf: Seine Frau betrügt ihn mit seinem Geschäftspartner, seine Agentur vermarktet krebsfördernde Produkte, der Sohn handelt mit Drogen und missbraucht seine Schwester.

Hinter dem Romantitel "Bliss" - zu Deutsch Glückseligkeit - verbirgt sich eine messerscharfe Gesellschaftskritik voll pechschwarzen Humors, mit der der Australier Peter Carey zu Beginn der 80er-Jahre eine ganze Generation erobert hat. Was im Fernsehen Stoff für eine mindestens 26-teilige Serie hergäbe, hat der australische Komponist Brett Dean in drei Stunden Musik gefasst: Am 12. September erlebt seine Oper "Bliss" ihre deutsche Erstaufführung an der Staatsoper. Die Regie liegt in den Händen des Salzburg-erprobten Ramin Gray, der an der Staatsoper im Frühjahr 2009 bereits Benjamin Brittens "Death in Venice" inszeniert hat. In den Hauptrollen sind Wolfgang Koch als Harry, Hellen Kwon als seine Frau und Ha Young Lee als Harrys Geliebte Honey B. zu erleben - um nur einige zu nennen. Die musikalische Leitung hat Staatsopernchefin Simone Young.

So viel Australisches kommt natürlich nicht ganz zufällig nach Hamburg: Young hatte Dean schon während ihrer Zeit als künstlerische Leiterin der Opera Australia in Sydney und Melbourne beauftragt, eine Oper zu schreiben. Durch ihren Weggang nach Hamburg geriet das Projekt ins Stocken; im vergangenen März nun ist das Werk unter großem Jubel am Opernhaus von Sydney uraufgeführt worden.

Die Kritiker rühmten das meisterhafte Zusammenspiel zwischen der Musik und dem Libretto, das die britische Schriftstellerin Amanda Holden aus dem Roman herausdestilliert hat, aber auch Deans virtuosen Umgang mit den instrumentalen Ausdrucksmöglichkeiten und Klangfarben. "Carey erzählt von einer hochkommerzialisierten Welt und philosophiert zugleich über Himmel und Hölle, Verrücktheit, Liebe und Tod", erzählt Dean von der Arbeit an seinem Opernerstling. "Da hat der Komponist von einem Dies-Irae-Chor hinter der Bühne bis zur Kaufhausmusik alle Möglichkeiten."

Dean bedient sich heutiger Kompositionsmittel wie elektronisch verzerrten Klängen, schreckt aber auch vor keinem Kontrapunkt, keiner noch so komplexen Motiventwicklung zurück. Seine Expertise in der Orchesterbehandlung kommt nicht von ungefähr: Er ist 15 Jahre lang Bratscher bei den Berliner Philharmonikern gewesen. Wer eine solche Stelle aufgibt und nach Australien zurückgeht, um sich aufs Komponieren zu konzentrieren, der muss sich seiner Sache schon sehr sicher sein.

Dean hat es geschafft. Er bekommt Kompositionsaufträge von den bedeutendsten Orchestern der Welt. Seine Werke liegen auf CD vor, sein Violinkonzert "The Lost Art of Letter Writing", uraufgeführt von dem großen Frank Peter Zimmermann, hat ihm den renommierten Grawemeyer Award for Musical Composition eingebracht. Und dann reist er auch noch als Solist und Dirigent durch die Welt.

Seinen Stoff findet der Komponist, bei allem lokalen Kolorit und Humor, nicht spezifisch australisch: "In vieler Hinsicht ist Harry Joy ein Jedermann", sagt er. "Er verkörpert ein Dilemma unserer Zivilisation: An welchem Punkt verraten wir unsere Integrität, unsere Gesundheit und unsere Beziehungen zugunsten des materiellen Erfolgs?"

Dean charakterisiert seine Figuren in fein nuancierten Klangfarben und ohne sie je zu überzeichnen: "Die drei weiblichen Hauptrollen sind alle für Sopran. Gleichzeitig sind es sehr unterschiedliche Charaktere: die neurotische Betty, die rücksichtslos naive Tochter Lucy und die ätherische Honey B. Es war mir wichtig, jede Figur in ihrer Menschlichkeit im Auge zu behalten."

Wenigstens Harry findet nach vielen Umwegen sein schlichtes Glück. Und entflieht der Welt auf seine eigene, höchst schlüssige Weise.

Bliss Premiere A 12.9., 18 Uhr, Premiere B 15.9., 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 19., 21. und 25.9., 2.10., jeweils 19.30 Uhr, Staatsoper. Karten unter T. 35 68 68