Das Interview

"Am Anfang waren wir nur eine kleine Gruppe, später wuchs der Verlag enorm"

Lesedauer: 6 Minuten

Der langjährige Vorstandsvorsitzende Peter Tamm erinnert sich an Axel Springer, den Start des Hamburger Abendblatts und seinen ersten Artikel. Das Interview führte Matthias Gretzschel

Herr Tamm, wie erinnern Sie sich an die erste Zeit beim Abendblatt?

Peter Tamm:

Das Abendblatt begann 1948 in einem Gebäude im Hof der alten Volksfürsorge an der Alster. Wir hatten damals keine Technik, unser Drucker war Broschek an den Großen Bleichen, wo sich heute das "Renaissance"-Hotel befindet. Da wir am Mittag erschienen, war gegen elf Uhr Redaktionsschluss. Dann mussten mit höchster Geschwindigkeit von Boten die Matern zur Druckerei gebracht werden. Jede Minute Verspätung kostete Auflage, denn der Vertrieb wartete schon. Einmal hat ein Bote versehentlich eine Mater der Seite 2 vom selben Tag des Vorjahres zu Broschek gebracht. Mehr als 100 000 Abendblätter wurden damals mit einem ein Jahr alten Politikteil gedruckt. Das hat kaum jemand gemerkt.

Wann haben Sie das erste Mal fürs Abendblatt geschrieben?

Tamm:

Ich habe den ersten Artikel meines Lebens für Nummer 1, Jahrgang 1 des Hamburger Abendblatts geschrieben.

Worum ging es?

Tamm:

Um den Bau von Fischdampfern. Das war damals eine Sensation, denn nach dem Zweiten Weltkrieg durfte Deutschland zunächst keine Schiffe bauen.

Wie sind Sie zum Abendblatt gekommen?

Tamm:

Ich brauchte Geld, weil ich mein Studium finanzieren wollte. Als ich von der bevorstehenden Gründung des Abendblatts hörte, hatte ich eine Idee. Im Grunde genommen war es die einzige Idee meines Lebens, sie hat aber gereicht, bis heute, bis zur Gründung meines Museums. Ich schlug dem späteren Chefredakteur Otto Siemer vor, eine Artikelserie über den Verbleib der berühmten alten Hamburger Schiffe zu schreiben. In den ersten Jahren nach dem Krieg kämpften die Menschen ums Überleben, aber 1948 interessierten sie sich schon wieder für solche Dinge. Die Serie ist ein Jahr lang gelaufen, immer letzte Seite unten links. Das haben die Leute ausgeschnitten und gesammelt.

Wann sind Sie Axel Springer zum ersten Mal begegnet?

Tamm:

Gleich ganz am Anfang, also 1948. Springer war Verleger und Ober-Chefredakteur in einer Person. Wir hatten morgens um sieben Uhr Redaktionskonferenz, Springer war immer als Erster da. Dann zog er aus seinen Taschen Zettel, auf denen er sich tagsüber notiert hatte, was ihm alles aufgefallen war: Wo andere Zeitungen besser waren als wir, welche Themen wir bringen sollten, was ihm nicht gefallen hat. Es gab viel Kritik, aber sie war immer produktiv.

Wie erinnern Sie sich an Karl Andreas Voss?

Tamm:

Er war Springers erster Partner. In mancher Hinsicht war er das Gegenstück zu Springer, aber das war gut und richtig: Springer war ein emotionsgeladener Mann voller Ideen und Visionen. Er wusste aber, dass er von manchen Dingen nichts verstand. Er wusste, dass er Verlagsleute brauchte, die rechnen konnten. Sie haben sehr gut zusammengepasst. Springer hatte die Ideen, Voss war das finanzielle Gewissen des Hauses. Als er 1977 starb, war das ein großer Verlust. Ich habe damals die Trauerrede gehalten.

Ein anderer enger Weggefährte war Professor Bernhard Servatius.

Tamm:

Er kam als Jurist in den Verlag, wurde später Aufsichtsratsvorsitzender und hatte ein sehr enges Vertrauensverhältnis zu Axel Springer, den er einen großen Teil seines Weges begleitet hat. Später wurde er der Testamentsvollstrecker des Verlegers.

Sie haben beim Abendblatt begonnen, gingen dann zu Bild und zu Ullstein und wurden schließlich Vorstandsvorsitzender. Wie erinnern Sie sich an den Bau des Springer-Hochhauses in Hamburg?

Tamm:

In der Innenstadt standen noch Ruinen. Man konnte auf der Kaiser-Wilhelm-Straße nur mit dem Fahrrad fahren, der Rest der Fahrbahn lag noch in Trümmern. Aber der Standort war günstig. Es war 1955 eines der ersten Hochhäuser in Hamburg. Springer hatte sein Büro im 12. Stockwerk. Im elften residierte Karl Andreas Voss, das war die Finanzetage. Im zehnten Stock kam dann die Hörzu mit Eduard Rhein, der mit Springer oft über Kreuz lag. In der fünften Etage saß das Abendblatt, in der dritten Bild. Das Verhältnis zwischen diesen beiden Redaktionen war damals ziemlich gespannt. Ich habe mich dann sehr bemüht, ein WirGefühl aufzubauen.

Wie sah es in Springers Verlegerbüro aus?

Tamm:

Sehr gemütlich. Zur Straße hin stand vor der Glasfassade ein riesiger Tisch, auf dem immer viele Bücher lagen. Axel Springer war an allen Themen interessiert, auch zu technischen Problemen. Er war ein typischer Zeitungsmensch, der sich für alles interessierte.

Hat er den Blick auf die Stadt genossen?

Tamm:

Ja, natürlich, deshalb hat er ja Oskar Kokoschka den Auftrag erteilt, Hamburg von hier aus zu malen. Sein Büro war nicht nur gemütlich, es hatte auch Stil. Dafür hatte er ein Gespür, er wäre als Inneneinrichter mindestens genauso berühmt geworden wie als Verleger. Springer war ein Ästhet ohnegleichen, das sah man übrigens auch seinen Zeitungen an. Die Seite 1 der Bild-Zeitung war für ihn wie ein Gemälde. Wichtig war ihm die Zusammensetzung, die Verteilung der Farben, die Anordnung der Bilder. Das betraf aber nicht nur die Bild, sondern zum Beispiel auch Die Welt und das Hamburger Abendblatt.

Hatten die normalen Mitarbeiter Kontakte zum Verleger?

Tamm:

Am Anfang waren wir nur eine kleine Gruppe, später wuchs der Verlag in kurzer Zeit enorm. Springer liebte es aber, durch das Haus zu gehen und die Menschen anzusprechen. Seine Mitarbeiter haben ihn geschätzt und waren glücklich darüber, dass es den Mann gab, der dieses enorme unternehmerische Risiko eingegangen war und den Verlag mit so viel Erfolg aufgebaut hat. Wir alle haben ihm sehr viel zu verdanken. Auch ich persönlich, denn ohne Axel Springer würde es mein Museum gar nicht geben.