Die Sache mit Gott

Der Glaube ist mehr als eine reine Wohlfühlveranstaltung, er ist eine Lebensentscheidung

Wenn ich mit Menschen über den Glauben spreche, komme ich mir manchmal vor wie ein Tennisspieler, der lauter Bälle, die ihm zugespielt werden, parieren muss. Diese Bälle sind die vielen Missverständnisse darüber, was Glauben sein könnte.

Für die einen ist Glauben ein Fürwahrhalten von lauter Absonderlichkeiten. Insbesondere das Glaubensbekenntnis mit seiner Jungfrauengeburt kommt dann ins Spiel. Manchmal wird auch noch die Schöpfungsgeschichte mit ihren sieben Tagen herangezogen und gegen die Evolutionslehre ausgespielt. Ein Christ sei jemand, der das glaubt, was man nicht versteht und was der naturwissenschaftlichen Sicht der Dinge widerspricht.

Diesen Ball wehre ich am liebsten mit einer eleganten Vorhand ab. Denn darüber ist die Kirche seit 300 Jahren hinaus. Offenbar muss man das aber immer wieder sagen.

Für andere ist der Glaube nichts als eine Meinung. Glauben sei weniger als Wissen. Und auf das Wissen komme es an. Es zählen die Fakten. Naturwissenschaft zählt. Und Wirtschaft zählt. Darauf kann man sein Leben aufbauen. Aber nicht auf einer bloßen Meinung.

Diesen Ball kontere ich mit einer Rückhand. Wenn Glaube wirklich nur das wäre, dann würden Menschen sich nicht im Namen des Glaubens für andere einsetzen, manchmal bis an die Grenzen des Lebens. Hinter einem Martin Luther King oder einer Mutter Teresa muss doch mehr stehen als bloß eine Meinung über das Leben.

Für noch andere ist Glaube eine Art Wohlfühlveranstaltung. Man ist ja heute auf dem religiösen Markt auf der Suche, probiert mal hier buddhistische Meditation, geht dort zu einem Qigong-Kurs, und versucht es zuletzt auch noch in der Kirche. Dabei geht es um seelische Wellness. Man sucht sein inneres Glück, Ruhe, Ausgeglichenheit.

Gegen dieses Missverständnis ist ein Matchball fällig. Denn so kann weder der Glaube noch das Leben insgesamt aufgehen. Wer nur sein persönliches Wohlfühlen sucht, wird bald enttäuscht sein. Auch Christen geht es nicht immer gut.

Aber was ist der Glaube dann?

Zunächst: Die genannten Missverständnisse sind ja nicht gänzlich falsch. Alle haben ein Körnchen Wahrheit in sich. Zum Glauben gehört die Bibel, gehört Hoffnung und gehört die Sehnsucht nach gelingendem Leben. Das ist alles richtig, aber es ist nicht alles.

An Gott glauben ist für mich die tiefste Lebensentscheidung überhaupt. Worauf setze ich in meinem Leben? An welche Werte will ich mich halten? Was trägt mich nicht nur durch gute, sondern auch durch schwere Zeiten?

Als Erstes ist Glauben für mich eine Entscheidung, dem Bösen nicht das Feld zu überlassen. Dabei zeige ich nicht mit dem Finger auf andere, sondern weiß, dass alles, was ich an anderen verurteile, irgendwo auch in mir schlummert. An Gott zu glauben heißt für mich aber, mich damit nicht abzufinden. Ich glaube, dass Gott uns eine Perspektive schafft, immer wieder gegen das Böse anzugehen. Das heißt auch, die Welt nicht sich selbst zu überlassen.

Wir sind verantwortlich für Hunger, Gewalt und Flucht auf der Welt. Wenn es richtig ist, dass Gott allen Menschen Gutes will, dann will er auch, dass wir das Böse nicht hinnehmen.

Als Zweites ist der Glaube die Quelle meiner Kraft. Ich kann es nicht besser sagen, als Dietrich Bonhoeffer es 1944 im Gefängnis geschrieben hat: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein."

Und doch kommt ein Drittes hinzu: Überwindung der Angst heißt nicht, mit dem Glauben könnten wir uns beruhigt zurücklehnen. Im Gegenteil. In meinen Augen ist der Glaube eine dauernde Beunruhigung. Er lässt keine Vertröstung zu, sondern gibt mir die Kraft, mein Leben und die Welt ehrlich anzusehen, ohne Beschönigung und ohne Vertröstung. Aber dann gewiss zu sein: Gerade so fragmentarisch, wie das Leben ist, ist es in Gottes Hand.

Wir Menschen sind wohl so, dass wir uns in den Momenten, in denen wir das Leben als gebrochen und schwer erfahren, gerne an "Wahrheiten" und objektive Beurteilungskriterien klammern. Und vielleicht kommt es daher, dass in der Kirchengeschichte die Katholiken stärker die Betonung auf das Fürwahrhalten bestimmter Dogmen gelegt haben. Martin Luther hat dagegen den Glauben als eine Lebenshaltung neu entdeckt.

Aber beide Konfessionen verbindet, dass der christliche Glaube kein "Schönwetterglaube" ist. Das Kreuz ist so real, wie heute Menschen real leiden. Und die Auferstehung ist so real, wie heute Menschen aus Leid und Irrwegen immer wieder Anfänge neuen Lebens finden. Das macht das Leben eines Christen aus.