Hamburger Kunsthalle

Wilhelm Werner: Mehr als ein Tischler

Wilhelm Werner war Werkmeister, aber auch Kunstsammler - jetzt würdigt ihn eine Schau.

Rund 500 Kunstwerke. So viel zählt die Sammlung eines Menschen, der unter den namhaften Sammlern Hamburgs bislang reichlich unbekannt ist. Und doch hatte der Wilhelm Werner (1886-1975) mehr als alle anderen Sammler einen täglichen, professionellen Umgang mit der Kunst. Knapp 40 Jahre stand der gelernte Tischler, von kriegsbedingten Unterbrechungen abgesehen, in Diensten der Kunsthalle. 1914 begann er als Aufseher, 1952 beendete er seine Karriere als Werkmeister. Seine Sammlung, eng mit dem Schicksal der Kunsthalle und den Hamburger Künstlern verbunden, ist erhalten geblieben. Dank der Erben ist sie nun zum ersten Mal öffentlich zugänglich.

Die Kunsthalle zeigt rund 130 Werke aus der "Sammlung des Hausmeisters Wilhelm Werner". Heinrich Stegemann, Willem Grimm, Eduard Hopf und Fritz Flinte: Diese vier Namen stehen für das größte Konvolut in Werners Sammlung. Es sind die Namen von Hamburger Sezessionisten. Des Weiteren zählen zu Werners Sammlung so klangvolle Namen wie die von Karl Kluth, Alma de Banco, Dorothea Maetzel-Johannsen oder Anita Rée. Ihre Gemälde und Arbeiten auf Papier belegen Werners feines Gespür für die Kunst. Bilder von Eduard Hopf etwa sammelte Werner erst, als sich dessen Stil von einer allzu nüchternen Sicht auf die Gesellschaft befreit hatte und der Landschaft, bevorzugt der norwegischen, zuwandte. Dass erst diese neuen Arbeiten Hopfs Einzug in die Sammlung finden, zeige, so Kurator Dr. Ulrich Luckhardt, "den Kunstgeschmack Werners".

Der in Kiel-Gaarden geborene Werner, Sohn eines Schlossers, wächst nach dem frühen Tod beider Eltern bei einer Pflegefamilie auf. Nach Tischlerlehre und Militärdienst bewirbt er sich erstmals 1914 bei der Kunsthalle unter ihrem Direktor Gustav Pauli als Aufseher. Nach dem Krieg setzt sich Pauli für eine Festanstellung Werners ein. In den folgenden Jahrzehnten bezieht Werner im Altbau der Kunsthalle eine Wohnung.

Werners Karriere ist mehr als die eines Werkmeisters, heute Hausmeisters, einer Kunstinstitution. Als Werkmeistergehilfe, später -assistent arbeitet er in den Werkstätten des Hauses. Sein Arbeitsprofil umfasst Versand und Werkstatt genauso wie die Beaufsichtigung der handwerklichen Arbeiten. Außerdem liegt der Zweck der internen Dienstwohnung in der Überwachung des Gebäudes. Das erweist sich während der Bombardements im Zweiten Weltkrieg als kunsterhaltend. Zusammen mit Feuerwehrleuten gelingt Werner die rasche Löschung eines durch Brandbomben verursachten Feuers. Dass die Kunsthalle relativ glimpflich im Krieg davonkam, verdankt sie auch ihrem wachsamen Hausmeister.

Werner ist auch restauratorisch aktiv. Als Gustav Pauli den gewagten Plan ausheckt, eine beidseitig bemalte Holztafel des Dürer-Schülers Hans Schäufelein zu spalten, rät der hausinterne Restaurator davon ab. Pauli aber setzt sich durch und dem Restaurator gelingt mithilfe Werners die erfolgreiche Spaltung der Tafel. "Glücklich auseinandergesägt", erinnert sich später Pauli, "wodurch die Galerie um zwei besonders schöne Bilder" bereichert wurde.

Die jungen Hamburger Künstler und Künstlerinnen lernt Werner berufsbedingt kennen. Ganz besonders, als er dem Hamburger Kunstverein zur Seite steht, der aufgrund fehlender eigener Räume in der Kunsthalle seine Ausstellungen organisiert. So freundet sich Werner mit Künstlern an, fertigt auch außerhalb seiner Dienstzeit Rahmen für sie, übernimmt Hängungen und grundiert gelegentlich Leinwände. Zu einigen von ihnen, etwa zu Heinrich Stegemann und Fritz Flinte, entstehen langjährige Freundschaften.

Stegemann porträtiert des Öfteren Werner, dessen Frau Anna und beider Tochter Käte, Grimm besucht den Hausmeister alljährlich zu seinem Geburtstag. Diese persönlichen Freundschaften sind es, die Werners Vorlieben prägen. Nicht der aufkommenden abstrakten, mehr der figürlich-gegenständlichen Kunst gilt das Interesse von Wilhelm Werner. Erst posthum durch Auskunft seiner Witwe kommt schließlich eine ganz selbstlose Liebe für die Kunst ans Tageslicht. Ohne jemanden in Kenntnis zu setzen, hatte er 1937 sechs Gemälde der Jahre zuvor durch Freitod aus dem Leben geschiedenen Anita Rée in seiner Dienstwohnung versteckt. Nach dem Krieg bringt er sie ebenso unbemerkt wieder ins Depot. Mit diesem mutigen "Kunstraub" hatte Werner sie vor dem Zugriff der Nazis gerettet. Die Ausstellung wird unterstützt durch die Hamburger Sparkasse und die Hamburger Feuerkasse.

Die Sammlung des Hausmeisters Wilhelm Werner bis 15. Januar 2012, Hamburger Kunsthalle, Hamburger Gang, Glockengießerwall, Di-So 10.00-18.00, Do 10.00-21.00

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.