Begegnung

Die christliche Zweiflerin

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Sabine Tesche

Die Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie ist dankbar über ihre kirchliche Prägung. Aber dennoch kann sie sich nicht eindeutig zu ihrem Glauben bekennen. Sie ist immer wieder auf der Suche nach Gottesbeweisen

Eine Kirche mit Teppichboden, das ist selten heutzutage. Klein, heimelig, mit grünen Bänken und knallroten Polstern strahlt die Segenskirche in Barsbüttel eine richtige Wohnzimmeratmosphäre aus. "Weil sie so knuffig ist wurden hier sogar ein paar Folgen der Heimatgeschichten mit Inge Meysel gedreht. Das halbe Dorf durfte als Statisten mitmachen, das war ziemlich aufregend", erzählt Kirsten Boie.

Sie selber war nicht dabei. Die Kinder- und Jugendbuchautorin ("Ritter Trenk", "King Kong, das Geheimschwein") denkt sich lieber selber Geschichten aus, als in welchen mitzuspielen. Doch in diese schlichte Kirche, Zentrum ihres Heimatortes, kommt sie immer wieder gerne. Ihre Kinder wurden hier konfirmiert, mit der Pastorin hat sie am letzten St. Martinstag im November eine Spendenaktion zugunsten von Aids-Waisen in Afrika veranstaltet. "Und es ist die einzige Kirche, die von all den Kirchen, mit denen ich etwas verbinde, tatsächlich noch existiert."

Mit Schrecken habe sie den Abriss der Heiligengeistkirche in Barmbek verfolgt. "Das war die Kirche meiner Kindheit. Ich war dort im Kindergarten", sagt die 61-Jährige. Mit diesem Gotteshaus verbindet sie ein warmes Gefühl von Geborgenheit, die Erinnerung an biblische Geschichten und feierliche Kindergottesdienste. "Und sie erinnert mich an einen Glauben ohne den Hauch eines Zweifels."

In den späten sechziger Jahren ist sie durch die christlichen Jugendgruppen politisiert worden. Als Oberstufenschülerin hat sie sich Gedanken über die Ungerechtigkeit in der Dritten Welt, aber auch über die Wahrscheinlichkeit eines existierenden Gottes gemacht. "Mein kindlicher Glaube hat sich zunehmend verflüchtigt. Ich suchte nach Gottesbeweisen, suche sie im Prinzip bis heute", sagt sie nachdenklich. Analysieren, kritisch hinterfragen, diese Eigenschaften sind ihr geblieben.

Kirsten Boie bezeichnet sich als christliche Agnostikerin. Das sind Menschen, die die Begrenzung menschlichen Wissens akzeptieren. So fällt es Boie schwer zu glauben, dass die Welt in ihrer unglaublichen Komplexität durch Zufall entstanden ist, sie glaubt an einen Schöpfergott, aber sie kann auch nicht vollkommen "Ja" zu ihm sagen. "Mit diesem Dazwischen kann ich aber auch ganz gut leben. Es belastet mich nicht. Entscheidender ist, wie man lebt, als was man glaubt", sagt sie.

Dennoch ist eine Zerrissenheit bei ihr zu spüren, diese unbestimmte Sehnsucht nach dem wohligen Gefühl der Glaubens-Klarheit als Kind. Es gibt immer wieder Momente, in denen sie dann doch zu Gott betet "Mir fällt auf, dass ich mich immer wieder für mein glückliches Leben bedanke und froh bin, dass es da eine Instanz gibt, bei der ich meine Glücksgefühle loswerden kann. Auch wenn das bei all meinen Zweifeln an Gott ja irrational ist".

Irrationales passt nicht so sehr zu ihr. Die Schriftstellerin, die in ihren Geschichten lustige und fantasievolle Geschöpfe erfindet, wirkt im realen Leben warmherzig, aber auch sehr ernst und zurückhaltend. Die innersten Gedanken nach außen kehren, dass ist nicht ihr Ding. Da ist sie recht norddeutsch.

Sie ist froh über ihre christliche Prägung, die ihr, genauso wie die Liebe ihrer Eltern, ein solides Fundament fürs Leben gegeben habe. "Früher gab es klare Richtlinien durch den Glauben, Werte wie Nächstenliebe und Gerechtigkeit wurden vermittelt. Heute tritt die Religion leider immer mehr in den Hintergrund", sagt Boie. Die Kirchen seien für sie diejenigen, die mehr als alle anderen Institutionen "Soziales leisten" und vor allem Familien, Alten, Armen und Einsamen einen Treffpunkt bieten würden.

Auch sie und ihr Mann fühlten sich von der Kirche gut aufgenommen, als sie in den 80ern zuerst einen Jungen und danach ein Mädchen adoptiert hatten. Jedes Jahr gingen sie gemeinsam zu den Tagungen für Adoptivfamilien, die die Evangelische Akademie Bad Segeberg organisierte. "Diese Möglichkeit des Austausches war sehr wichtig. Und das war für uns und auch viele andere ein Höhepunkt im Jahr."

Inzwischen sind ihre Kinder erwachsen, aber dennoch will Boie etwas von ihren positiven Erfahrungen mit Kirche zurückgeben. Sie hält Lesungen bei ökumenischen Treffen, verschenkt Bücher, engagiert sich in ihrer Gemeinde. Sie ist auch Schirmherrin verschiedener Leseförderungsprojekte - und spricht eigentlich ungern über ihre vielen ehrenamtlichen Ämter. "Ich bin aber keine Mutter Teresa." Sie mache es zum einen aus "Wut über das Bildungselend in Deutschland" und zum anderen aus Dankbarkeit für ihr Leben. Sie habe eine glückliche Familie, einen Beruf, der ihr Spaß mache, habe einen großen Freundeskreis.

Aber es gab Niederschläge in ihrem Leben, auch wenn sie ungern darüber spricht. So deutet sie eine schwere Erkrankung als junge Frau an. "Da bin ich in letzter Minute noch von einem Arzt gerettet worden. Das war ein existenzieller Moment." Und einer, in dem sie Gott gedankt hat. Oder der erste Besuch in Swasiland 2009, der Boie tief erschüttert hat. Das afrikanische Land hat eine der höchsten Aids-Infektionsraten der Welt. Deswegen setzt sich Boie dort gemeinsam mit dem Verein "Hand in Hand e.V. Wiesbaden" für die Versorgung von Waisenkindern ein. "Das Elend dort hat mich umgehauen."

Einer der größten Wendepunkte ihres Lebens war die Adoption ihres Sohnes 1983. Da das Jugendamt ihr keine andere Möglichkeit ließ, musste Boie ihren Beruf als Lehrerin an der Gesamtschule Mümmelmannsberg aufgeben. Eine Entscheidung, die ihr sehr schwer fiel. "Auch das war ein Tiefpunkt im Leben" Zum Glück habe sie die Fähigkeit mitbekommen, nicht so leicht zu verzweifeln, sagt sie.

So hat Kirsten Boie das Allerbeste aus ihrer Situation gemacht und mit dem Schreiben angefangen. Das Buch "Paule ist ein Glücksgriff" über eine Familie, die ein Kind adoptiert, war der Anfang eines sensationellen Erfolgs als Kinderbuchautorin. Wenn sie in ihren Geschichten über Gott schreibt, dann ist er eine liebevolle Figur. Die Agnostikerin steht hinten an, man "sollte Kindern doch die Sicherheit, beschützt zu sein, lassen." Denn das Kritische und die Zweifel kommen ganz von allein.