Ruhestand? Von wegen!

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Heinrich Oehmsen

Vor 60 Jahren wurde NDR Jazz gegründet. Eine Vorschau auf die Jubiläumssaison

Das Programm ist außergewöhnlich. Wieder einmal. Aber das ist man von den NDR-Jazzkonzerten gewöhnt. "Es geht uns darum, Projekte zu präsentieren, die man sonst in Hamburg nicht erleben kann", beschreibt Stefan Gerdes, zuständiger Redakteur, seinen programmatischen Ansatz. Sieben Konzerte mit jeweils zwei Formationen wird es 2012 im Rolf-Liebermann-Studio zu hören geben, darunter Musiker, die noch nie in Hamburg aufgetreten sind, wie den Sänger Andreas Schaerer, aber auch alte Bekannte wie den Pianisten Joachim Kühn oder den amerikanischen Bassisten Steve Swallow.

Die NDR-Jazzkonzerte stehen in diesem Jahr zudem im Zeichen eines Jubiläums: Vor 60 Jahren wurde die NDR-Jazzredaktion von Hans Gertberg gegründet, im Laufe der Jahre gab es wöchentlich mehr und mehr Jazz, im März 1960 waren es bereits 24 Sendungen. Auch das erste Jazzkonzert im Studio 10 datiert aus dem Jahr 1952. Von 1958 an gab es dann die Jazz-Workshops. Dazu wurden Komponisten, Arrangeure und Solisten eingeladen, die sonst keine Gelegenheit hatten, miteinander Neues auszuprobieren - ohne kommerziellen Druck und mit der Möglichkeit, mehrere Tage gemeinsam zu proben, bevor die Ergebnisse dieses kollektiven Prozesses dann in einem Konzert öffentlich präsentiert wurden.

Im kommenden Oktober es wieder so einen Workshop geben, bei dem die in Berlin lebende sizilianische Sängerin Etta Scollo auf die italienischen Jazzer Stefano Bollani (Klavier) und Giovanni Sollima (Cello) trifft. Scollo ist vielen vor allem als Pop- und Chanson-Sängerin bekannt, doch sie hat auch eine Ausbildung als Jazzsängerin absolviert und in den 80er-Jahren mit diversen amerikanischen Bluesmusikern gearbeitet. Im zweiten Teil des Abends spielen die Brüder Rolf und Joachim Kühn die Musik von Kurt Weills Musical "Marie Galante".

Das Jubiläumsjahr beginnt mit einem musikalischen Brocken: Am 8. und 9. März beschäftigt sich das Trio "Das Kapital" mit der Musik von Hanns Eisler. Der österreichische Komponist und Schönberg-Schüler lebte von 1949 bis zu seinem Tod im Jahr 1962 in der DDR, komponierte die DDR-Hymne und hinterließ ein riesiges Oeuvre aus Liedern, Film- und Theatermusik und sinfonischen Werken. Lieder wie ,Die Moorsoldaten' oder das ,Solidaritätslied' klingen in der bissigen Interpretation des Trios wie aktuelle Kommentare zu Politik, Finanz und Wirtschaft. "Das ist Jazz, der in die Offensive geht", lobt der Wiener "Kurier" die Band um den Saxofonisten Daniel Erdmann. Kontrastiert wird Eislers Musik vom Trio des britischen Saxofonisten Tim Garland, der zu den wichtigsten Musikern des Modern Jazz in Großbritannien zählt.

Experimentierfreudig verspricht auch das zweite Konzert zu werden. Am 12. und 13. April treffen sich der Posaunist Christophe Schweizer und der Bassist Lars Danielsson. Danielsson, einer der versiertesten skandinavischen Jazzer, hat ein neues internationales Quartett zusammengestellt, zu dem der e.s.t.-Schlagzeuger Magnus Öström, der Gitarrist John Parricelli und der Pianist Tigran Hamasyan gehören. Danielsson wird Kompositionen aus seinem Album "Liberetto" spielen. Diesem Kammerjazz steht Schweizers sogenannte "Maximal Music" entgegen. "Groove" und "Freiheit" sind die Schlüsselbegriffe einer Musik, die er zusammen mit New Yorker Kollegen spielt und für die man offene Ohren braucht.

NDR-Jazzkonzerte Karten ab 13.2. unter T. 0180/178 79 80* oder www.ndrticketshop.de