Der Herr der Diebe

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Verena Fischer-Zernin

Das NDR Sinfonieorchester spielt die deutsche Erstaufführung von Simon Wills' Oper "The Stolen Smells"

Mit der Inspiration ist es so eine Sache. Der eine glaubt überhaupt nicht an sie, der Nächste meditiert, betrinkt sich oder läuft Marathon, um empfangsbereit zu sein, der Dritte setzt sich an den Schreibtisch und fängt einfach schon einmal an. Denn wer je auf sie gewartet hat, weiß mit Sicherheit eines: Je heftiger wir Inspiration herbeiwünschen, gar befehlen, desto weniger stellt sie sich ein. Absichtslos bleiben ist das Geheimnis - so simpel zu begreifen wie schwierig zu verwirklichen.

Der englische Komponist und Posaunist Simon Wills hat dem kapriziösen Phantom einen ungewöhnlichen Platz in seinem Leben eingeräumt. Während bürgerliche Musiker ihr Leben zwischen Konzertsaal und heimischer Studierstube im Flugzeug von einer mitteleuropäischen Metropole zur anderen fristen, reist Wills durch die Welt - und dringt dabei auf eine Weise ins Herz der Dinge vor, die den wohlgeregelten Klassikbetrieb reichlich aseptisch erscheinen lässt. Er verirrt sich in orientalischen Labyrinthen und Märkten, er diskutiert nächtens mit Dieben oder beginnt den Tag mit Indern, die auf der Straße wohnen und ihren Tee mit ihm teilen. Und fasst diese Erlebnisse, die seine ganze Existenz ergreifen, in Musik.

Den Keim zu Wills' neuer Oper "The Stolen Smells" verdankt er einer Begebenheit in Südafrika: Früh am Morgen, er war gerade einem Raubüberfall entgangen, stieg eine Bettlerin in seinen Zug und sang ein Lied. "Die Melodie ist mir den ganzen Tag durch Kapstadt gefolgt. Ich muss reichlich zerstreut gewirkt haben", erinnert sich der Komponist. Wenige Tage später schrieb er die erste Szene nieder und schickte eine Postkarte an Thomas Hengelbrock: "Ich habe einen Räuber abgewehrt und eine neue Oper angefangen. Ich kenne die Handlung noch nicht, aber es werden Diebe darin vorkommen." Am 4. Februar erlebt das Werk im Rahmen einer Koproduktion mit dem Luzerner Theater auf Kampnagel seine deutsche Erstaufführung, nur wenige Tage nach der Uraufführung in Luzern. Regie führt Dominique Mentha, es singt das Ensemble des Luzerner Theaters, begleitet vom NDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock. Von ihm stammt schließlich die Idee, Wills einen Kompositionsauftrag zu erteilen.

Ein üppigeres Fest der Sinnlichkeit kann man sich nicht wünschen. Wills' Libretto siedelt die Geschichte, die sowohl im jüdischen als auch im arabischen Kulturkreis vorkommt, in einem Bagdad an, das an die Erzählungen von Tausendundeiner Nacht erinnert. Der junge Dichter Djemaal klagt, dass er zu hungrig sei, um vernünftig dichten zu können, und gibt seiner Angebeteten eine rührend schlechte Kostprobe seiner Kunst. Dumm nur, dass Amina ausgerechnet die Tochter des gestrengen Bäckers Mukhtada ist. Als der die beiden antrifft, bezieht Djemaal Prügel. Und dann ist der junge Kerl am anderen Morgen auch noch so hingerissen vom Duft des frisch gebackenen Brotes, dass er einen Tanz vollführt und in seiner Trance ausgerechnet in Mukhtada hineintanzt. Der Duft sei das Schönste, was ihm in seinem Leben begegnet sei, verrät der erschrockene Djemaal dem Bäcker. Der fragt, was Djemaal denn für den Genuss zahlen wolle. Als Djemaal stammelt, er habe kein Geld, schreit er: "Haltet den Dieb!"

Damit nimmt das Drama seinen Lauf. Dummerweise will es nämlich der örtliche Brauch, dass einem Dieb die Hand abgehackt wird. Mukhtada aber könnte nur um den Preis des Gesichtsverlusts von seiner Anklage zurück.

Wills fasst diesen prallen Stoff auf ganz eigene Weise in Töne. "Es kommen Fragmente von Melodien vor, die ich auf meinen Reisen aufgeschnappt habe", beschreibt er sein Verfahren, "aber die Formen oder die mikrotonalen Tonfolgen arabischer Musik in meine eigene Tonsprache zu quetschen wäre so gewesen, als hätte ich mich verkleidet."

Für seine Szenen findet er Formen der Opera buffa, die den Windungen und dem Tempo der Handlung mal turbulent und mal ironisch gerecht werden. Um Avantgarde geht es Wills nicht. "Semitonal harmlos" nennt er seine Tonsprache. Doch das ist, wir ahnen es, eine unnachahmlich britische Koketterie. Und die Auflösung des Konflikts ist so charmant, raffiniert und verblüffend logisch, wie es einem orientalischen Märchen gebührt.

The Stolen Smells 4.2., 20.00, 5.2., 16.00, Kampnagel. Karten unter T. 0180/178 79 80* oder www.ndrticketshop.de