Walzertaumel und schwarze Komik

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Klaus Witzeling

"Chopin Dances" präsentiert zwei Meisterwerke von Jerome Robbins

Manches Meisterwerk hat klein begonnen. Am Anfang von Jerome Robbins' klassisch-romantischem Ballett "Dances at a Gathering" stand ein Duett. Der Choreograf hatte sich mit zwei Solisten des New York City Ballet im Probensaal getroffen und improvisierte zu einer Chopin-Sonate für Klavier einen Pas de deux. Direktor George Balanchine schaute kurz vorbei, sah die Tanzskizze und ermunterte Robbins begeistert, noch mehr Chopin-Stücke zu erarbeiten: "Make more. Make it like peanuts", meinte Balanchine lakonisch und warf sich imaginäre Nüsschen in den Mund. Sollte wohl heißen: Serviere ein Ballett als leckeren, knackigen Snack mit Biss.

Es wurde ein eleganter, raffiniert komponierter Hauptgang daraus. Robbins schuf in "Dances at a Gathering" eine Art Quintessenz des klassischen Stils aus seiner Sicht. Wie Perlen fügte er Soli, Duette, Trios und Ensembles für zehn Solisten aneinander. Jedes Paar kennzeichnet eine besondere Kostümfarbe und einen bestimmten Typus von Beziehung zwischen Frau und Mann. Die verschiedenen Gefühle - Harmonie, Leidenschaft, Einsamkeit, Eifersucht und Rivalität hat der Choreograf in eine leichtfüßige, klarlinige und poetische Bewegungssprache übersetzt. Die scheinbare Einfachheit der Choreografie trügt jedoch. Sie erweist sich alles andere als simpel, ihre Struktur hat Robbins komplex und sehr schwierig gestaltet, weil er mit dem Anschein von ungezwungener Natürlichkeit und gleichzeitig ausgeklügeltem Raffinement spielt.

Die Zitate aus der auf die Spitze getriebenen Danse d'école stehen zwar für sich, für Anmut, Jugend, Leichtigkeit und virtuoses Können, sie werden jedoch nie nur naiv verwendet. In der Mazurka-Seligkeit und im Walzer-Taumel schwingt ein Wissen um den Anachronismus mit, ein Bewusstsein vom Ende eines Stils und einer Zeit, auch ausgedrückt in plötzlichem Innehalten der Tänzer, in der Momentaufnahme eines erstarrten Gruppenbildes. Robbins ist ein Höhepunkt des klassischen Tanzes gelungen und in seinem wehmütigen Taumel auch ein Abgesang auf das alte Ballett, in dem die Solisten des Hamburg Balletts, jeder für sich und auf seine persönliche Weise zu brillieren und zu bezaubern verstehen.

Nach der Pause können sie sich dann in dem tänzerischen Satyrspiel "The Concert" von ihrer humorvollen Seite zeigen. Die Szenen aus dem Konzertsaal zeigen, was den Besuchern so durch den Kopf gehen mag, während sie vorgeben, hingerissen der Musik zu lauschen. Eine dramatische Ballerina ist scharf auf den Pianisten, der flatterhafte Ehemann will die eifersüchtige Gattin erstechen. Kurz: "Chopin Dances" zeigt an einem Abend erst die hohe Kunst des raffinierten Balletts und dann dessen Komik, wenn die Dinge auf der Bühne oder in Gedanken aus dem Ruder laufen.

Chopin Dances 22., 23., 25.3., jeweils 19.30, 31.3. 15 u. 19.30, sowie 30.6., 19.30 Uhr, Staatsoper. Karten unter T. 35 68 68