Reportage

Glaubens-Insel im Großstadtlärm

Lesedauer: 10 Minuten
Lutz Kastendieck

Mitten in Barmbek steht ein Dominikaner-Kloster. Die elf Brüder wirken weit in die Stadt hinein, sind Technik- und Fußballfans. Doch das Wichtigste ist die betende Gemeinschaft

Morgendliche Rushhour in Barmbek. Auf der Hamburger Straße stauen sich wieder mal die Autos. In der Weidestraße gleich nebenan ist es kaum anders. Die ist zwar nur halb so breit, doch das monotone Rauschen der Motoren ist auch hier allgegenwärtig. Wie eine Insel mitten im tosenden Großstadtverkehr ragt St. Sophien aus dem Schnittfeld der großen Magistralen. 32 Meter misst der Glockenturm der dreischiffigen Kirche. Und in harmonischer Eintracht schließt sich zu Füßen der Apsis der Rundbau des Dominikanerklosters an, das im August dieses Jahres sein 50-jähriges Bestehen feiern wird.

Hohe, eherne Mauern wird der Besucher des 1965/66 erbauten Klosters vergeblich suchen. Stattdessen umgibt den zweistöckigen Rotklinkerbau, der in moderner Architektur traditionelle Formen aufgreift, ein ganz gewöhnlicher, halbhoher, grüner Zaun.

Modern präsentiert sich auch die Eingangspforte, zwei Flügel sind aus Aluminiumguss. Auf dem Metallschild linkerhand hat jeder Bewohner des Klosters seinen eigenen Klingelknopf, der den Besucher direkt mit den Handys der Patres verbindet.

Uns empfängt Prior Thomas Krauth. Der 52-Jährige ist Klostervorsteher, ein hoch aufgeschossener, drahtiger Mann. Der Habit, die weiße Ordenstracht, verleiht ihm eine gewisse Strenge. Energisch schreitet er voran, bittet den Gast in sein spartanisches Büro. Dort gibt es einen neuen Computer mit Flachbildschirm. "Die modernen Kommunikationsmittel sind ja kein Teufelswerk, sondern Teil der Schöpfung", sagt Krauth. "Wir schätzen alles, was für unser missionarisches Wirken hilfreich ist. Technik-affin bedeutet wirklichkeits-affin, darin offenbart sich eine spirituelle Dimension."

Neun Uhr ist eine gute Zeit, um mit dem auf drei Jahre gewählten Prior ins Gespräch zu kommen. Denn da liegt die Frühmesse schon hinter den Dominikanern. Das Morgengebet findet immer um sieben Uhr im Altarraum der Kirche statt. Oft nehmen bis zu 20 Gläubige aus dem Umfeld von St. Sophien teil. Es werden Psalmen gelesen und Gottes Liebe und Segen für den neuen Tag erbeten. "Wir verstehen unsere Gebete auch als Fürbitten für die Stadt und ihre Menschen. Dass sie ihren Alltag mit all seinen kleinen und großen Herausforderungen meistern mögen", sagt Krauth.

Ist die Laudes vorüber, ziehen die Brüder zum gemeinsamen Frühstück. In dem Raum bei der großen Klosterküche liegen auch immer sechs abonnierte Tageszeitungen. Danach geht jeder seiner Wege. Dann wird es still im Kloster, weil viele Brüder wichtige Aufgaben außerhalb haben. "Wir vermeiden bewusst das Wort Kloster, was ja aus dem Lateinischen kommend abgeschlossener Ort bedeutet. Konvent hingegen meint Zusammenkommen, wir wollen keine Abgrenzungsidentität", sagt Prior Krauth. Und erinnert daran, dass die Dominikaner seit der Gründung durch den heiligen Dominikus im Jahr 1215 stets ein weltzugewandter Orden von Wanderpredigern war. "Die Frohe Botschaft in der Welt durch Wort und Tat zu verkünden, das ist unsere Bestimmung", erklärt Krauth, ganz der Missionar.

Subprior Karl Meyer, Krauths Stellvertreter, der sehr warmherzig wirkt, engagiert sich zum Beispiel als Vorstandsvorsitzender des Hilfsvereins St. Ansgar im Obdachlosenprojekt Alimaus am Nobistor. Der 74-Jährige ist aber auch geistlicher Begleiter der hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiter in Hamburg und Schleswig-Holstein. Pater Markus Langer und Prior Thomas Krauth teilen sich die Betreuung der rund 5800 Mitglieder starken St.-Sophien-Gemeinde. Sie setzen dabei auch auf eine lebendige Kinder- und Jugendarbeit, die eng mit der benachbarten Katholischen Sophienschule und der Gemeinde-Kita verbunden ist.

Im Innenhof des Klosters scheint die Hektik der Stadt endgültig Lichtjahre entfernt. Leise plätschert unter der Plastik "Große Predigt I" ein Brunnen. Nebenan hockt Bruder Hermann Meyer mitten in einer der Rabatten. Bis zu seiner Pensionierung war er Pflegedienstleiter im Krankenhaus St. Georg. Jetzt jätet der 70-Jährige akribisch das Unkraut, gräbt um, pflanzt neu. Sehr zur Freude und Erbauung seiner zehn Mitbrüder. Denen das Refugium unter freiem Himmel ein Ort der Entspannung, aber auch der inneren Einkehr ist.

"Auch wenn jeder seine Aufgabe hat, zentral ist und bleibt für uns, dass wir eine betende Gemeinschaft sind", sagt Prior Krauth. Weshalb es jedem ein inneres Bedürfnis sei, die Gebete zur Laudes am Morgen, der Sext am Mittag und der Vesper am Nachmittag gemeinsam zu zelebrieren. Hier verwirkliche sich am Augenfälligsten der tief verwurzelte Wunsch nach spiritueller Gemeinschaft.

Wie zur Bestätigung eilen die Brüder um zwölf Uhr in die Hauskapelle des Klosters, einem fünfeckigen Raum, der durch ein rundes Deckenfenster Licht erhält. Dort wird in einer zehnminütigen Zeremonie aus dem Stundenbuch die Seite des Tages vorgetragen. Eine Glocke ruft wenig später die Mitbrüder zum Mittag ins karge Refektorium. Eigentlich kocht Bruder Hermann an fünf Tagen der Woche für seine Mitbrüder. "Gesund, abwechslungsreich und äußerst schmackhaft", wie Prior Krauth berichtet. Jeden Sonnabend backe er sogar Kuchen oder eine Torte. Doch auch Bruder Hermann braucht eine Auszeit, deswegen liefert ein Restaurant zweimal pro Woche ein warmes Gericht, diesmal einen deftigen Kartoffelauflauf.

Nach dem Mittagessen versammeln sie sich oft noch im Rekreationszimmer. Es so etwas wie das Wohnzimmer des Klosters. Es gibt einen Fernseher, vor dem Sessel gruppiert sind. An der langen Tafel in der anderen Hälfte des Raumes beraten sich die Dominikaner. Dort wird aber auch gefeiert. Und gestritten. Vornehmlich über Glaubensfragen, sagt Krauth etwas unspezifisch. Aber auch über Alltägliches. "Zum Beispiel, welche Sendung im Fernsehen geschaut wird", verrät Pater Richard Nennstiel. "Die meisten sind große Fußballfans, vor allem von St. Pauli und Bayern München. Aber eben nicht alle." Deshalb wurde vor Jahren ein zweiter Fernseher für den Gemeinschaftsraum im ersten Stock angeschafft. "Wo dann Pater Reginald in Ruhe Sendungen auf Arte und 3sat schauen kann", sagt Pater Richard.

Dass er mit 48 Jahren zu den jüngsten Brüdern im Barmbeker Konvent gehört, mehr als die Hälfte ist deutlich über 70 Jahre alt ist, stimmt ihn zuweilen nachdenklich. Der Priestermangel macht eben auch nicht vor den Toren des Klosters halt. Als Prokurator ist er für die Finanzen des Klosters zuständig. Und seit Januar Islambeauftragter des Erzbistums. Gern zieht sich Pater Richard auf sein Zimmer zurück. Dominiert wird es von vielen Büchern. Aber es gibt dort auch vier Flugzeugmodelle. Zum Beispiel vom Airbus 380-300. "Ich fliege leidenschaftlich gern. Mich fasziniert die Technik", verrät er.

Die Modelle sind fast das einzige Persönliche im Raum. "Die ewige Profess, das Gelübde beim Eintritt in den Orden, verpflichtet ja zum bewussten Verzicht auf alle irdischen Güter. Deshalb gibt es bis auf einige persönliche Kleidungsstücke praktisch keinen privaten Besitz", erklärt Pater Richard.

Der Sohn evangelischer Eltern ist erst spät, mit 30 Jahren, Dominikaner geworden. "Ich habe meine weltlichen Erfahrungen gemacht, aber sie haben mich nicht befriedigt", sagt er.

Während seines Studiums der Philosophie und Geschichte in Köln sei er auf die Schriften der bedeutenden Dominikaner Albertus Magnus und Thomas von Aquin gestoßen. Und habe darin gefunden, was ihn bis heute erfüllt: "Die Vermittlung von Glaube und Vernunft ist eine große Aufgabe. In einer Welt, die immer weiter auseinander driftet, müssen wir Brücken bauen." Um ganz für diese Mission leben zu können, sei für ihn der Eintritt in eine Ordensgemeinschaft die logische Konsequenz gewesen: "Da ich kein Familienmensch bin, empfinde ich auch keinen Verzicht. Die Dominikaner sind ja keine Zwangsgemeinschaft."

Es gebe ein hohes Maß an persönlicher Freiheit. Und viele Möglichkeiten, seine individuellen und vor allem geistigen Fähigkeiten zu entfalten: "Viele Dominikaner sind promovierte Geisteswissenschaftler."

Prior Thomas Krauth, der sich durch die "identitätsstiftende Kraft" des Vaterunsers zum Prediger berufen fühlte, haben vor allem die demokratischen Strukturen des Ordens imponiert. "Dass es auf allen Ebenen ein Mitspracherecht gibt, weil alle Brüder gemeinsam Verantwortung für das Verwirklichen der Ziele übernehmen. Und dass alle Oberen nur auf Zeit gewählt werden", wie er sagt.

So sehr die Patres das gemeinsame Leben im Konvent auch schätzen, sie verhehlen nicht, dass jeder einzelne immer wieder auch Zweifeln und Versuchungen ausgesetzt gewesen ist. Bruder Karl, der Subprior, der in einem katholischen Internat erzogen worden ist, sagt: "Natürlich bin ich in meinem Leben immer wieder interessanten Frauen begegnet. Aber die Berufung zum Priester war stets stärker." Entscheidend sei der innere Drang gewesen, Menschen in einer immer kälter und unpersönlicher werdenden Welt Halt und Orientierung zu vermitteln. Ihnen angesichts der Überforderungen des hektischen Alltags Heimat und Zuflucht zu gewähren.

"Als 1962 St. Sophien den Dominikanern anvertraut wurde, hat man das Kloster nicht neben oder hinter die Kirche gestellt. Die Architekten haben Kirche und Kloster eng miteinander verbunden. In der Hoffnung, beide mögen sich gegenseitig bereichern und befruchten", sagt Karl Meyer. Dieser Intention versuchen die Patres täglich auf vielfältige Weise gerecht zu werden. Der gewöhnliche Zaun und die lichte Pforte des Klosters sind zum Sinnbild für jene Transparenz und Offenheit geworden, mit der sie ihren offenbar unerschütterlichen Glauben an Gott bezeugen.